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"NeinQuarterly" durchlebt die Buchmesse:Gedichte zum Abreißen

SZ-Kolumnist Nein.Quarterly

(Foto: dpa; Collage Jessy Asmus/SZ.de)

Die Frankfurter Buchmesse ist ein Muss für Autoren, Verlage - und für Eric Jarosiński alias "NeinQuarterly". Heute spürt er Trends nach.

Von Eric Jarosiński

Die Kolumne von NeinQuarterly zur Frankfurter Buchmesse

Vom Literaturprofessor an der University of Pennsylvania zum hauptberuflichen Twitterer: Als @NeinQuarterly veröffentlicht Eric Jarosiński Aphorismen, Wortwitze und manchmal einfach nur Quatsch. Über deutsche Literatur, Philosophie und das generelle Leiden am Intellektuellendasein. Für die SZ schreibt er während der Frankfurter Buchmesse eine tägliche Kolumne über den großen und kleinen Wahnsinn in den Bücherhallen.

Wenn man sich zur Frankfurter Buchmesse äußert, ist es vor allem wichtig, dass man etwas zu den neusten Trends sagt.

Dabei ist man gut beraten, je nach Bedarf und Gesprächskontext etwas besorgt zu gucken. Zugleich sollte man nicht allzu griesgrämig wirken. Und die Begriffe "spielerisch" und "problematisch" abwechselnd - möglichst spielerisch und unproblematisch - zu verwenden.

Ich habe herumgefragt, was so im Trend liegt. Intelligente Tier-Bücher, meinte ein Verlagsmensch. Das politische Buch, sagte mir ein anderer. Kunst und Bilder, heißt es im Feuilleton. Oder doch noch E-Books, meinte ein Bekannter, vor allem aber E-Books über die Zukunft des E-Books.

Die eigenen Beobachtungen in den Messehallen scheinen dies alles irgendwie zu bestätigen. Aber mir ist auf einem Messefest im Frankfurter Literaturhaus auch etwas aufgefallen, das ich als Trend ohne Ambivalenzen sehr begrüßen würde: "Gedichte zum Mitnehmen."

An der Wand hing ein gutes Dutzend Spiralblöcke voller Lyrik, neu und klassisch, bekannt und unbekannt, aus Gedichtbänden von verschiedenen deutschen Verlagen stammend. Man wurde dazu eingeladen, sich seinen latenten Gewaltphantasien hinzugeben und das eine oder andere Gedicht abzureißen.

Voller Befriedigung ging ich also nach Hause mit Werken von Jorge Luis Borges ("Ein Buch"), Joachim Sartorius ("Peinliche Pilze") und einer gewissen Leonie Klendauer, deren schönes unbetiteltes Gedicht in einer Schreibwerkstatt für Jugendliche entstand ("Kleine Flugzeuge werfen Schatten/Bunte Kleider platzen", so die ersten Zeilen).

Ich selber trage auf der Messe seit Tagen ein Gedicht in Gedanken mit mir herum: Bertolt Brechts Zeilen aus den "Svendborger Gedichten", die im Exil erschienen. Man kennt sie vielleicht noch aus dem Gymnasium:

"In den finsteren Zeiten

Wird da auch gesungen werden?

Da wird auch gesungen werden.

Von den finsteren Zeiten."

Schöner, trauriger und witziger kann ein Gedicht meines Erachtens kaum sein. Und es bleibt bei einem. Solche Zeilen wollen doch mitgenommen und in den eigenen Zeiten weitergedacht werden, auch wenn die Ergebnisse nicht sehr glücklich sind:

"In den finsteren Zeiten

Wird da auch gelesen werden?

Da wird auch gelesen werden.

In der Zeitung. Auf dem Bildschirm. Von dem etwas getwittert wird."

Oder:

"In den finsteren Zeiten

Werden da auch Autobiographien geschrieben werden?

Da werden auch Autobiographien geschrieben werden.

Von Wolf Biermann und Bruce Springsteen. Auch schon vor ihrem Nobelpreis."

Das Spiel könnte man ewig weitertreiben. Sollte man aber nicht. Zum Schluss einfach einige Zeilen zum Mitnehmen:

"In den finsteren Zeiten

Werden da auch Gedichte gelesen werden?

Da werden auch Gedichte gelesen werden.

Unterwegs. Auf der Hand. Aber noch ganz schön eingepackt."

Ich wünsche guten Appetit.

© SZ.de/luc/jab
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