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"NeinQuarterly" durchlebt die Buchmesse:Die unruhigen Träume eines Twitter-Phänomens

SZ-Kolumnist Nein.Quarterly

(Foto: dpa; Collage Jessy Asmus/SZ.de)

Die Frankfurter Buchmesse ist ein Muss für Autoren, Verlage und bibliophile Menschen - und für Eric Jarosiński alias "NeinQuarterly" der pure Wahnsinn, der für ihn kafkaesk beginnt.

Von Eric Jarosiński

Die Kolumne von NeinQuarterly zur Frankfurter Buchmesse

Vom Literaturprofessor an der University of Pennsylvania zum hauptberuflichen Twitterer: Als @NeinQuarterly veröffentlicht Eric Jarosiński Aphorismen, Wortwitze und manchmal einfach nur Quatsch. Über deutsche Literatur, Philosophie und das generelle Leiden am Intellektuellendasein. Für die SZ schreibt er während der Frankfurter Buchmesse eine tägliche Kolumne über den großen und kleinen Wahnsinn in den Bücherhallen.

Eines Morgens erwachte ein Twitter-Phänomen aus unruhigen Träumen und fand sich wieder in einer - abgesehen von Matratze, Nachtisch und Leselampe - ungeheuer leeren Wohnung eines ins Ausland gezogenen Frankfurter Freundes. Eine eher banale, aber nicht ganz folgenlose Verwandlung hatte der Erwachte längst hinter sich: die vom gescheiterten Germanisten zu einer Art online-literarischem Kleinkünstler.

In den Jahren seiner bescheidenen, aber langsam anwachsenden Bekanntheit wurde die Frankfurter Buchmesse für den nicht mehr ganz jungen Mann zu einer Veranstaltung, die in ihm Hoffnungen weckte, die unberechtigte Ängste auslöste und schließlich nicht selten in Enttäuschungen endete, wenn die Ängste sich doch als allzu berechtigt erwiesen. In diesem Jahr war es schlimmer denn je.

Sein erstes, einst mit großer Spannung erwartetes Buch wurde gerade leise verramscht. Die im Preis stark reduzierten Bände, die die Buchhandlungen im deutschsprachigen Raum stolz hüteten, trugen ihre Abstempelung als Mängelexemplar mit deutlich mehr Fassung als deren unglücklicher Autor.

Leider jedoch wurde sein schönes Selbstmitleid an diesem sonst so schönen Morgen gestört. Ein Autor, den er seit einer Weile kannte und mochte, hatte sich gemeldet: ein erfolgreicher und sehr talentierter Schriftsteller, der als "eine der umstrittensten Figuren der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur" galt. Er las an diesem Abend aus seinem neuen Buch. Ob wir uns vorher treffen wollten?

Der Tag, der mit der leider etwas unvollständigen Lektüre des scheinbar sehr gelungenen neuen Romans des Autors verbracht wurde, war schnell rum. Man traf sich am Abend in der Bar des Frankfurter Hofs. Nahm den Faden des letzten Gesprächs vor vielen Monaten schnell wieder auf. Lachte. Dachte nach. Und tauschte sich über einige gerade laufende persönliche Tragödien aus.

Irgendwann fiel das Wort "Leidensbrüder". Natürlich halb ironisch. Aber nach der Lesung und dem unmäßigen Genuss des für geladene Gäste kostenlosen Buchmessen-Rieslings ging es dem Möchtegern-Zyniker auf dem Weg zurück zu der leeren Wohnung, den berechtigten und unberechtigten Ängsten und dem immer so schönen Selbstmitleid allmählich auf: halb eben auch nicht.

© SZ.de/luc/stein
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