Kein Lied trifft die Lage der USA im Sommer 2025 besser als der Protestsong „Ohio“, geschrieben vor 55 Jahren, als die Nationalgarde auf unbewaffnete Studenten schoss, sodass vier Menschen starben und neun weitere verletzt wurden. Die Schützen handelten im Auftrag der „schweigenden Mehrheit“, deshalb wurde keiner von ihnen je belangt. Die Opfer waren langhaarige Demonstranten, US-Präsident Richard Nixon sprach von „Abschaum“ und lobte den Einsatz seiner Truppen an der Heimatfront.
Neil Young sah auf dem Titel von Life das Foto, das den schwer verletzten John Cleary zeigte (er hat den Schuss in die Brust überlebt und ist Ende Oktober im Alter von 74 Jahren gestorben), und haute innerhalb von wenigen Stunden „Ohio“ zusammen, die Gitarren verstärkt durch dramatisches Schlagzeug: „Verpanzerte Soldaten und Nixon unterwegs“. Es war nicht der Marschtritt der Revolution, die im Woodstock-Sommer davor noch möglich schien, sondern Eingeständnis der furchtbarsten Niederlage. Sie schießen uns zusammen, „wir sind auf uns selber zurückgeworfen“.
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In Woodstock hatte sich im August 1969 die Gegenkultur versammelt, drogenselig, friedensbewegt, ein neues Amerika, und die neuformierte Band Crosby, Stills, Nash & Young, die davon träumte, in einen Garten Eden zurückzufinden. Stephen Stills hatte Young 1966 zu Buffalo Springfield geholt, aber da prügelten sich die beiden auf offener Bühne um das längere Solo (Buben halt!). Kaum hatten sie sich mit Graham Nash und David Crosby zur Supergroup zusammengetan, die bereit war, die Nachfolge der Beatles anzutreten, scherte Young schon wieder aus, fürchtete Ausverkauf und Verrat an der Musik. Er zeigte wenig Lust, immer als „& Young“ aufzutreten.
Es gäbe Gründe, Young wegen Verführung Abhängiger zu belangen
1976 tat er sich mit Stephen Stills für eine kurzlebige Stills-Young Band zusammen und steuerte „Long may you run“ bei, eine Hymne an sein erstes Auto, und schon war er wieder fort. Am schönsten zelebrierte er seinen Solipsismus mit den Schwermetallern von Crazy Horse. Hin und wieder ließ er sich mit den alten Bundesbrüdern zusammenspannen. So verlangten sie im zweiten amerikanischen Golfkrieg das Impeachment für den Präsidenten, er hieß Bush, allerdings George W. Auch daraus wurde nichts, Young kümmerte das wenig, er schrieb seine versponnenen Lieder, machte nicht immer vor der Sentimentalitätsgrenze halt, ließ dann aber die Gitarre wieder jaulen, als hätte er sie gerade erst entdeckt. So hat er alles überlebt, Folk, Country, Grunge, redet noch jemand von Hip-Hop? Neil Young machte immer nur seine, Young-Musik.

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Es gäbe schon Grund, ihn wegen Verführung Abhängiger zu belangen. Der Nirvana-Sänger Kurt Cobain verabschiedete sich 1994 mit einem Vers aus dem Song „My My, Hey, Hey“. Cobain zitierte ein besonders schlimmes Klischee: „Lieber verbrennen als langsam vergehen.“ Neil Young wusste Bescheid, hatte sogar vorgeführt, wie dies aussah. Wie ein gehetztes Wild erschien er Ende November 1976 auf der Bühne des „Winterland“ in San Francisco, stimmte sich bei diesem Abschiedskonzert der kanadischen Band The Band langsam ein, bis er zur Mundharmonika sein Klagelied „Helpless“ mit der Stadt im Norden Ontarios herausbrachte, und die ganze Zeit pappte ihm ein hübscher Batzen Kokain an der Nase. Martin Scorsese, der alles in „The Last Waltz“ dokumentierte, fand das erst recht Rock’n’Roll, ließ sich dann aber doch überreden, das bolivianische Marschierpulver abzudecken, ehe der Film ins Kino kam.
Und auch wenn sie links und rechts von ihm gestorben sind, er hat das überstanden, genauso wie Aneurysma, Scheidung, Spotify und seinen ungebetenen Fan Donald Trump. Also gut, achtzig wird Neil Young nun, das muss verkraftet werden, aber so schnell wird er nicht vergehen. Er bleibt der größte und damit der beste Krachmeister im unvergänglichen Rock’n’Roll. Was für sein Auto gilt, das gilt doch erst recht für ihn: Long may you run.

