NDR-Chef Jobst Plog im Interview "Niemals weniger frei sein"

17 Jahre Intendantenleben: Der scheidende NDR-Chef Jobst Plog zieht Bilanz - und spricht über Springer, Qualitätskorrekturen, Anne Will und Starqualitäten, die Krise der "Tagesthemen" sowie die ihm fremde digitale Welt.

Von Interview: Hans-Jürgen Jakobs

SZ: Herr Plog, in 17 Jahren Intendantenleben haben Sie oft die Medienkonzentration in Deutschland kritisiert, gerne auch unter Einschluss des meinungsmächtigen Axel Springer Verlags. Nun darf ausgerechnet Springer-Chef Mathias Döpfner für den NDR einen TV-Film über den britischen Verleger Lord George Weidenfeld machen. Ist das die Altersmilde eines Intendanten? Oder Altersweisheit?

ARD-Intendant Jobst Plog 2004 bei einer Pressekonferenz.

(Foto: Foto: ddp)

Jobst Plog: Das Programm gestalte ich nicht persönlich, ich bin dafür verantwortlich. Mathias Döpfner kenne ich schon aus seiner Zeit als Chefredakteur der Hamburger Morgenpost. Später habe ich ihn einmal eingeladen, auf einer NDR-Matinee eine Laudatio auf Wolf Biermann zu halten - und er hat einen fulminanten Vortrag gehalten. Dass er ein guter Autor ist, wird niemand bestreiten.

SZ: Als TV-Macher ist er noch nicht aufgefallen.

Plog: Die Idee für einen Film über Lord Weidenfeld mit Döpfner kam von der Produktionsfirma Polyphon, einer Enkeltochter des NDR. Der 88-jährige Verleger ist eine spannende Figur. An ihn so nahe heranzukommen, dass er ein Porträt zulässt, ist sicherlich nicht einfach. Döpfner hat diese Nähe.

SZ: Die vornehmste journalistische Tugend ist es, Distanz zu halten.

Plog: Ja, sicher. Aber wenn jemand alles in seinem Leben gehabt hat, auch an Öffentlichkeit und Auszeichnungen, ist es leichter, wenn ihm jemand nahe ist. Dass sich diese Nähe nicht in dem Beitrag widerspiegeln darf, ist eine ganz andere Frage - und eine Erwartung. In seiner Rede auf Biermann hat Döpfner damals die ganze Springer-Geschichte in erstaunlicher Offenheit auf- und abgearbeitet und das eigene Haus nicht geschont.

SZ: Als Springer vor zwei Jahren den privaten Fernsehkonzern Pro Sieben Sat 1 kaufen wollte, haben Sie davor gewarnt. Die Kartell- und Medienwächter verhinderten dann den Deal. Eigentlich müssten Sie es begrüßen, dass Springer nun ganz aus der Pro-Sieben-Gruppe aussteigt und einen Restanteil von zwölf Prozent verkauft.

Plog: Mein Verhältnis zu Springer ist auch in der Vergangenheit nicht von Freund-Feind-Denken geprägt gewesen. In solchen Dingen bin ich sehr liberal. Springer war ja im Übrigen zuletzt nur noch ein kleiner Minderheitsgesellschafter, da spielt der Verkauf also keine große Rolle mehr. Wenn man sich die Entwicklung im deutschen Medienmarkt anschaut, dann erscheint die Entscheidung des Bundeskartellamts gegen Springer nachträglich vielleicht sogar in einem leicht veränderten Licht. Inzwischen sind ja überall Finanzinvestoren tätig, auch bei Pro Sieben Sat 1. Ich wundere mich immer noch, dass da kein anderer deutscher Verleger beizeiten eingestiegen ist - und dass der Staat an dieser Stelle die heimische Medienbranche nicht so schützt, wie andere Staaten das auch tun.

SZ: Finanzinvestoren passen nicht in die Medienbranche?

Plog: Wenn Zeitungen, Zeitschriften oder Fernsehsender allein nach Renditegesichtspunkten geführt werden und das publizistische Ethos eines Verlegers völlig verschwindet, dann ist das eine für den Meinungssektor bedenkliche Entwicklung.

Auf der nächsten Seite ist Plog für manches Format aus dem Privatfernsehen dankbar.