Nazi-Raubkunst im Fall Gurlitt Auf verschlungenen Wegen in die Niederlande

Besitzt das niederländische Königshaus von den Nazis geraubte Kunstwerke? Das Haus Oranje will nun seine Sammlung prüfen lassen und übernimmt damit eine Vorbildfunktion für alle Privatsammler.

Von Ira Mazzoni

Der Fund von 1400 Kunstwerken in der Wohnung von Cornelius Gurlitt schlägt auch im Ausland Wellen. Ende letzter Woche überraschte das niederländische Königshaus mit der Ankündigung, es wolle seine Privatsammlungen von einer unabhängigen Kommission nach Raubkunst untersuchen lassen.

Kaum jemand weiß etwas über die königlichen Sammlungen. Sie gelten als geheim. Jetzt sollen alle Kulturgüter untersucht werden, die nach 1933 erworben wurden, vor allem aber die Ankäufe der Fünfziger- und Sechzigerjahre. Besonderes Augenmerk soll den musealen Stücken aus dem Nachlass von Prinzessin Juliana und Prinz Bernhard gelten.

Der niederländische Provenienzforscher Ronny Naftaniel macht in der Zeitung Het Parool darauf aufmerksam, dass Prinz Bernhard Kontakte zu dem Bankier Alois Miedl unterhielt, der die Firma von Jacques Goudstikker in Amsterdam "arisierte", dessen Privateigentum aufkaufte und mit dem Verkauf der Kunstwerke Kasse machte - soweit sie nicht Hermann Göring für sich requirierte. Miedl flüchtete nach Kriegsende mit Goudstikkers Kunstschätzen nach Spanien. Viele davon gelten bis heute als verschollen. Gut möglich, dass solche Objekte über den Kunsthandel in königlichen Besitz kamen.

Jedes Bild zählt

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Sollte sich in den Königlichen Privatsammlungen "NS-verfolgungsbedingt verlorenes Kulturgut", also Raubkunst befinden, will das Königshaus es in jedem Fall an die rechtmäßigen Erben zurückgeben. Damit übernimmt das Haus Oranje eine - wenn auch späte - Vorbildfunktion für alle Privatsammler. Es gilt endlich genau hinzuschauen und sich nicht mehr auf einen "gutgläubigen" Erwerb hinaus zu reden.

Dass diese Entscheidung jetzt gefallen ist, hängt auch mit einer vierjährigen Untersuchung zusammen, der Ergebnis eben bekanntgegeben wurde. Unter Leitung der Kommission "Museale Erwerbungen seit 1933" hatten 162 niederländische nicht-staatliche Museen ihre Bestände kritisch auf problematische Erwerbungen hin durchforstet, darunter auch ethnografische und medizinische Sammlungen. In 41 Museen wurden 139 Kunstwerke - Bilder, Fayencen, jüdische Ritualgegenstände - entdeckt.

Bei etwa der Hälfte der Objekte gelang es, konkrete Hinweise auf die ehemaligen Eigentümer zu bekommen. Nun wird nach den heutigen Erbberechtigten gesucht. Die Niederländische Museumsvereinigung hat die Liste der Objekte veröffentlicht und ruft potenzielle Erben auf, sich zu melden (www.musealeverwervingen.nl).

Mit großen Namen auf Fahndung

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Welche Bedeutung so ein Fund für die Erben haben kann, zeigt ein kleiner Film der Museumsvereinigung, der der Herkunft eines winzigen Reiterbildes von Wilhelm II. der Niederlande nachspürt. Das kleine Ölgemälde von Henri Auguste d'Ainecy aus dem Palais Het Loo gehörte dem Hoffotografen Hieronymus Fraenkel aus Amsterdam. Fraenkel starb 1942. Seine Frau, sein Sohn und dessen Familie wurden in Sobibor ermordet. Im Zuge der Recherchen haben sich nicht nur zahlreiche Familienfotos, sondern auch von Fraenkel gedrehte Filme gefunden. Ein zerstörtes Familienleben wird wieder lebendig.

Das Ölgemälde hatten die Fraenkels 1943 bei der Sammelstelle für jüdischen Kunst- und Schmuckbesitz bei der von den Nazis kontrollierten Bank Lippman, Rosenthal und Co (der sogenannten Liro-Bank) in Amsterdam abgeben müssen. Diese verkaufte es an das Auktionshaus Lempertz in Köln. Von dort kam es zurück in die Niederlande. Solche Geschichten machen deutlich: Auch der Kunsthandel muss sich endlich erklären und seine Vergangenheit aufarbeiten.