StaatsbesucheNimm das, mein Freund

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Sechs Kugeln für ein Halleluja: Seinen Gästen überreichte der türkische Präsident Kistchen mit Handfeuerwaffen - hier das Exemplar des litauschen Präsidenten Gitanas Nausėda, wie an der Gravur am Lauf zu erkennen ist.
Sechs Kugeln für ein Halleluja: Seinen Gästen überreichte der türkische Präsident Kistchen mit Handfeuerwaffen - hier das Exemplar des litauschen Präsidenten Gitanas Nausėda, wie an der Gravur am Lauf zu erkennen ist. Lithuanian President's Office/via Reuters

Präsident Erdoğan verschenkte Revolver an seine Nato-Gäste, und viele wundern sich. Dabei muss eine kleine Handfeuerwaffe in der Geschichte der Staatspräsente noch als Glücksfall gelten.

Von Sonja Zekri

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Dass Schenken eine Kunst ist, wer wüsste es nicht? Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan weiß es spätestens, seit sein deutscher Kollege Frank-Walter Steinmeier ihm bei einem Besuch vor zwei Jahren einen 60 Kilogramm schweren tiefgefrorenen Dönerspieß verehrte. Der Gruß aus der Imbissbude war als Würdigung eines türkischen Integrationsschlagers gedacht, löste aber eine Flut giftiger Kommentare aus: Offenbar sah Steinmeier die Lebensleistung türkischer Zuwanderer noch im Billiglohn-Sektor wie in den Neunzigern.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beim Dönerschneiden in der Istanbuler Sommerresidenz des deutschen Botschafters.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beim Dönerschneiden in der Istanbuler Sommerresidenz des deutschen Botschafters. Bernd von Jutrczenka

Daran sei kurz erinnert, ehe wir auf Erdoğans aktuelle Geschenke für seine Gäste auf dem Nato-Gipfel in Ankara kommen. Sie alle bekamen einen Revolver mit eingraviertem Namen, Munition und ein Schreiben mit der Ausfuhrgenehmigung. So verriet es der britische Premier Keir Starmer auf dem Heimflug, so bestätigte es ein Sprecher der Bundesregierung: Ja, auch Kanzler Merz habe ein solches Präsent bekommen, es erst einmal in der deutschen Botschaft in Ankara gelassen, um es dann später ordnungsgemäß einzuführen.

Deutsche Medien schlugen die Hände über dem Kopf zusammen. „Kurios“ sei das Geschenk, staunten Bild und Spiegel, ja, geradezu „brisant“, warnte der Münchner Merkur, schließlich sei der deutsche Kanzler nun im Besitz eines „funktionsfähigen“ Revolvers „samt einer Schachtel Munition“.

Kaum etwas hätte ein stimmigeres, fürsorglicheres Präsent abgeben können als ein klitzekleines Revolverchen

Nun, das ist vielleicht ein bisschen scheinheilig: Eineinhalb Tage lang diskutierten die Staats- und Regierungschefs in Ankara über milliardenschwere Rüstungsverträge, über Drohnengeschwader, Artillerie und Panzer, zumal die Türkei hofft endlich auf die F-35-Kampfjets aus den USA. Es ging um Abschreckung, Aufrüstung. Am Ende entdeckte US-Präsident Donald Trump auch ein bisschen „Liebe“, aber das täuschte niemanden über die Explosivität der Situation hinweg. Kaum etwas hätte also ein stimmigeres, fürsorglicheres Präsent abgeben können als ein klitzekleines Revolverchen, zumal höchstwahrscheinlich aus türkischer Produktion und damit aus den Waffenschmieden der zweitgrößten Armee des Bündnisses.

Wladimir Putin mit einem bulgarischem Staatspräsent (Welpe) im Jahr 2010.
Wladimir Putin mit einem bulgarischem Staatspräsent (Welpe) im Jahr 2010. Oleg Popov

Und was heißt „kurios“ bei Geschenken unter Herrschern? War die Kettensäge des damaligen Kanzlers Gerhard Schröder für Trumps Vorgänger George W. Bush vielleicht geschmackssicherer? Oder der Bulle, den die Zulu in Südafrika der Queen verehrten? Überhaupt all die Tiere: der bulgarische Welpe für Wladimir Putin, das Babykamel aus Timbuktu für François Hollande, das Panda-Paar aus China für Taiwan? Und war der rote Traktor, den der belarussische Diktator Alexander Lukaschenko seinem Kollegen Emmerson Mnangagwa aus Simbabwe schenkte, etwa originell?

Es ist ja nicht so, als sei das jetzt etwas ganz Neues, Waffen als Give-aways. In Ägyptens Hauptstadt Kairo beispielsweise ist ein eigener Flügel des herrlichen Abdin-Palastes einzig den Geschenken für den später gestürzten Präsidenten Hosni Mubarak gewidmet, darunter Waffen jeder Größe oder Machart, beispielsweise eine goldene Kalaschnikow von Saddam Hussein.

Da darf man sich nicht zieren, wie Merz oder auch wie Keir Starmer, der Erdoğans Geschenk in Ankara zurückließ, als seien es die unzumutbar gemusterte Socken einer ungeliebten Tante. Das geht nicht, das brüskiert den Gastgeber. Aber vielleicht ist es dem Briten auch schon egal, ob er beim Finish seiner Amtszeit irgendwo verbrannte Erde und eine jungfräuliche Schusswaffe hinterlässt.

Donald Trump nebelte einst den syrischen Präsidenten Ahmed al-Scharaa mit seinem eigenen Parfum ein

Was außerdem für Erdoğans Idee spricht: Auf diesem wie auf jedem Gipfel mit US-Beteiligung ist die Trump-Bespaßung ein wichtiger Programmpunkt. Und Trump hat nichts gegen Schusswaffen in Privatbesitz, im Gegenteil, er hat die Waffengesetze gelockert, so dass sie beispielsweise „GrabAGun“ zugutekommen, einem Online-Waffenhändler. Dem Unternehmensvorstand gehört Trumps Sohn an, aber dies nur am Rande.

Handlich sind die türkischen Revolver außerdem. Man stelle sich vor, Erdoğan hätte sich auf Aufmerksamkeiten von der Dimension des Bernsteinzimmers versteift, das Friedrich Wilhelm I. einst an Zar Peter I. von Russland schickte. Und was ist mit den 20 000 Elefanten, die der Präsident Botswanas nach Deutschland schickte, wo sie den Berliner Tiergarten zertrampelten und die Stadtreinigung ans Limit brachten? Dieses Geschenk ist, zugegeben, aus einem Roman. „Das Geschenk“ der belgischen Autorin Gaea Schoeters erzählt satirisch von der Rache des globalen Südens für europäische Oberlehrerhaftigkeit.

Donald Trump mit dem syrischen Präsidenten Ahmed al-Scharaa 2025 im Weißen Haus.
Donald Trump mit dem syrischen Präsidenten Ahmed al-Scharaa 2025 im Weißen Haus. AP

Gerade deshalb kann man ihn auch als Mahnung lesen: Die Gipfel-Teilnehmer von Ankara hätten es deutlich schlechter treffen können. Mancher hat es auch schon schlechter gemacht. Donald Trump etwa hatte dem syrischen Präsidenten Ahmed al-Scharaa sein eigenes Parfum, nein, nicht geschenkt, sondern ihn damit geradezu eingenebelt. Und der ehemalige Dschihadist tat, was getan werden musste: Er bedankte sich auf derselben Note. Das Treffen, schrieb der Syrer auf X, hinterlasse einen „eigenen Duft“.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir die belgische Autorin Gaea Schoeters fälschlicherweise als Niederländerin bezeichnet.

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