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Nationaltheater Mannheim:Die vielen Facetten der Degeneration

Was braucht es, um Stücke von Rainer Werner Fassbinder zu entstauben? Eine Doppelpremiere zeigt, wie es gehen kann - und wie nicht.

Veronika Voss und Herr R. haben eine Sache gemeinsam: Sie hängen nicht an ihrem Leben. Während Veronika Voss aber zu Beginn ihrer Geschichte noch von so etwas wie Zukunft träumen kann, hat Herr R. schon resigniert, er muss es nur noch bemerken. Veronika Voss kann man also seit jeher beim langsamen Kaputtgehen zusehen, bei Herrn R. wartet man lediglich auf den alles vernichtenden Ausraster. Menschliche Degeneration hat viele Facetten, sowieso bei Rainer Werner Fassbinder, Regisseur der Filme "Die Sehnsucht der Veronika Voss" und "Warum läuft Herr R. Amok?".

Darauf muss man erst mal Lust haben. Ob die beiden Regisseurinnen sich den Fassbinder also überhaupt selbst ausgesucht haben? Leonie Thies und Jennifer Peterson sind Regieassistentinnen am Nationaltheater Mannheim und geben ihr Debüt im Werkhaus mit einem Fassbinder-Doppelabend. Jennifer Peterson inszeniert "Die Sehnsucht der Veronika Voss", Leonie Thies anschließend "Warum läuft Herr R. Amok?". Einerseits denken viele bei "Herrn R." inzwischen vermutlich an Susanne Kennedys sehr erfolgreiche, ästhetisch bestechende Produktion an den Kammerspielen von 2014, andererseits altert die Geschichte der "Veronika Voss" im Gegensatz zu der vom "Herrn R." nicht sehr gut, weil sie viel mehr in ihrer Zeit verhaftet ist. Beides also schwierig.

Die Rolle der Veronika Voss, die in Mannheim Ragna Pitoll spielt, hat Patina angesetzt. Den beherzten Regiezugriff, den es gebraucht hätte, um diese abzukratzen, wagte Jennifer Peterson jedoch nicht.

(Foto: Christian Kleiner)

Veronika Voss ist die Filmdiva, die nach dem Krieg auf eine zweite Karriere hofft und sich mit Morphium vollpumpt, um das Unvermeidliche nicht spüren zu müssen - die eigene Überflüssigkeit. 1982 erschien der Film, da passte das Gefühl der Orientierungslosigkeit in die BRD-Tristesse. Man mochte diese Art von Schauspielerinnen, erinnerte sich gut an sie. Inzwischen aber hat die Diven-Nummer eine gewisse Patina bekommen, die man erst mal wegkratzen müsste, um zu dem Interessanten durchzudringen, was die Figur ausmacht. Schließlich gäbe es auch heute genug zu erzählen übers Nichtgebrauchtsein in einer narzisstischen Filmbranche, in der Frauen ab Mitte 40 häufig nur noch Mütter und Großmütter spielen dürfen. Solch eine Setzung aber bedürfte eines beherzten Regiezugriffs. Den wagt Regisseurin Peterson nicht, sondern lässt Voss (Ragna Pitoll) die Schleppe ihres Abendkleides schwingen und mit Monroe-Frisur irgendwo in den Fünfzigerjahren herumstolzieren, während alle anderen Figuren durchaus dem Heute entnommen scheinen.

Alle Begegnungen auf der Bühne (für beide Stücke: Marina Schutte) finden zwischen beliebig verschiebbaren Regalelementen, Ikea lässt grüßen, statt. Da trifft Voss den jungen Sportjournalisten Krohn (Nicolas Fethi Türksever) und ihre intrigante Ärztin Dr. Katz (Sophie Arbeiter), die sie begleiten auf dem Weg und ihr nicht helfen können. Der kleine Bühnenraum ist dabei immer etwas zu vollgestellt, die Figuren haben kaum Platz, sich zu entwickeln. Der große Diven-Gestus, den Ragna Pitoll zwar artig und in absoluter Treue zu Fassbinder bedient, wirkt nicht, wie im besten Falle, anrührend und würdevoll, sondern ein wenig gestrig. So, als versuche Regisseurin Peterson, einen zu großen, edlen Pelzmantel in einen zu kleinen Schrank zu stopfen, statt sich zu überlegen, ob sie ihn überhaupt braucht. Sie hätte sich mehr trauen dürfen. Fassbinder ist schließlich auch nur ein Filmemacher.

Deko-Objekt im eigenen Leben (von links): Annemarie Brüntjen, Tala Al-Deen als Frau R., der herausragende Arash Nayebbandi als Herr R. und Robin Krakowski.

(Foto: Christian Kleiner)

Leonie Thies hat es da vielleicht leichter, nutzt ihre Vorlage aber auch schlauer. Mit einem Herrn R. fühlt nämlich jeder mit, vor allem, wenn er so hervorragend teilnahmslos schaut wie Arash Nayabbandi, der R. spielt. Das Ausrasten im Angestelltenleben nach Erkennen der Jämmerlichkeit allen bürgerlichen Bestrebens - das erlauben sich zwar wenige, davon träumen aber doch viele. So lautet bei "Warum läuft Herr R. Amok?" die Frage ja auch nicht wirklich, warum er ausflippt, sondern wann und wie.

Alles an diesem Leben ist von Anfang an das Grauen, da gibt es keine Steigerung, nur die vergehende Zeit macht es schlimmer. Thies streicht das Leben der Familie R. rosa und minzgrün, staffiert die Figuren mit Pullundern und gestrickten Rollkragen aus, die ihnen den Atem zu nehmen scheinen (Kostüm: Tamara Priwitzer). Die Nebenrollen drehen schrill und immer schriller auf (tolles Duo: Annemarie Brüntjen und Robin Krakowski). Immer wieder zwängt sich Nayebbandi als R. selbst in die kleinen Flächen das Regalsystems hinein, deklassiert sich selbst zum Deko-Objekt im eigenen Leben. Vor der Frau (Tala Al-Deen) hat er eher Angst, seinen Job in einer Gartenzwergfabrik - ein etwas plumpes Symbol deutscher Spießbürgerlichkeit, aber sei's drum - führt er schlaff aus, gibt ja doch keine Beförderung. Im Plattenladen kann ihm niemand helfen, als er einen Song sucht, einen, der ihm Freude bereiten könnte. Traurige Augen verwandeln sich in teilnahmslose. Einzig die Geschichte vom Adler, den der Sohn (hierfür hat Thies einen großen Gartenzwerg verpflichtet) vorliest, von Freiheit und Gefangenschaft, bewegt ihn kurz, sehr kurz. Dies Leben ist nicht wert, gelebt zu werden.

Thies kennt ihre Mittel, kennt den Raum, ihre Schauspieler und inszeniert entschlossen. Mit greller Komik und großem Tempo spült sie ihr Publikum im Turbogang durch einen Alltag, aus dem zu keinem Zeitpunkt ein Entkommen möglich war. Herrn R. dabei zuzuschauen, wie ihm genau das dämmert, ist ein bitteres Vergnügen. So genügt es, wenn er am Ende eine rosa Kaffeekanne aus dem Regal nimmt und diese stumm gegen Frau, Kind und Nachbarin erhebt. Damit ist alles gesagt.