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Nationaltheater:Einfach wunderbar

Das schönste Duett des Abends singen Ailyn Pérez (links) und Placido Domingo. Der agiert nicht nur als fiese Vaterfigur, sondern sehr zugewandt.

(Foto: Wilfried Hösl)

Bei den Opernfestspielen ist Ailyn Pérez in Verdis "La Traviata" die beherrschende Erscheinung

Eine bühnenbildnerisch so zurückgenommene Inszenierung wie Günter Krämers in die Bühnenfarbe Schwarz verliebte "Traviata" am Nationaltheater will bespielt werden, um Wirkung zu entfalten. An diesem Festspielabend gelingt das großartig. Schon den ersten leisen Tönen der Ouvertüre ist anzuhören, dass das Staatsorchester in bester Spiellaune ist, so feingliedrig zart und perfekt, wie der gläserne Beginn erklingt. Doch auch die deftigen Verdi-Klangkomponenten sind hervorragend, bestimmt in den Tempi, präsent und gesangsdienlich. Hinterher wird der zerzaust aus dem Frack lächelnde Dirigent Marco Armiliato dafür gefeiert, und auch die Solisten werfen mehr Handküsse in den Orchestergraben hinab, als der bloße Anstand gebieten würde.

Bei der "Traviata" sind es drei Rollen, auf die es ankommt: Violetta (Ailyn Pérez), Alfredo (Atalla Ayan) und dessen Papa Giorgio (Plácido Domingo). Schön ist, dass Pérez' Violetta und Ayans Alfredo stimmlich gut harmonieren, was die grundsätzliche Klangfarbe betrifft. Beide pflegen in der vom Opernchor kräftig befeuerten Pariser Partyszene des ersten Bildes ein recht volles Stimmtimbre - und so zupackend, wie Pérez hier die Violetta gibt, wäre sie auch eine famose Carmen (leider ein anderes Stimmfach). Dazu passt Ayans voller Tenor, der manchmal die Fülle eines Baritons hat, ausgezeichnet. Dann jedoch zeigt sich im Duett, dass er sich an diesem Abend konsequent auf lautes Singen festgelegt hat, mag Pérez ihre Linien noch so feinsinnig abschattieren. Natürlich, wenn Alfredo im dritten Bild, mächtig gekränkt, auf Violettas Ehrgefühl herumtrampelt, ist das Kraftvolle ideal. In den zärtlicheren Momenten dieser Liebesbeziehung weniger.

Somit bleibt es Plácido Domingo vorbehalten, mit Pérez das schönste Duett des Abends zu singen. Domingo war schon ein stimmlich heller Tenor, jedenfalls der hellste aus der heiligen Tenor-Dreieinigkeit mit Luciano Pavarotti und José Carreras. Nach seinem Stimmfachwechsel ist er nun ein heller Bariton. Witzig, dass er dabei seinen tenoralen Charme behalten hat, nicht nur, was an manchen Stellen die sängerische Strahlkraft, sondern auch, was die einnehmende Gestik anbelangt. Da trifft es sich gut, dass der Giorgio keine durch und durch knarzig fiese Vaterrolle ist, sondern dass er Violettas und Alfredos Liebesglück auf etwas einfühlsamere Weise zerstören darf. Das gibt Domingo die Möglichkeit, Violetta sehr zugetan zu agieren und sich dynamisch beredt auf sie einzulassen.

Dass Ailyn Pérez als Violetta einfach wunderbar ist, ist damit schon mehrfach angeklungen. Die Rolle der Violetta ist hochvirtuos und fordert enorm, sie ist permanent auf der Bühne. Aber nicht nur deshalb ist Pérez die beherrschende Erscheinung. Alles an ihrem Singen, ihrem Spielen, ihrer Energie, ihrer Anmut, ihrem Aufbäumen gegen den Tod ist Ausdruckskraft. Das ist beglückend. Und als Pérez am Ende neben Domingo vor dem Vorhang steht, wirkt sie auch selbst durchaus zufrieden.