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"Nationalstraße" im Kino:Der Held von '89 säuft im Polarstern

"Guten Morgen, Ihr Arschlöcher": Hynek Čermák spielt Vandam.

(Foto: 42film)

In seiner Verfilmung des tschechischen Romans "Nationalstraße" erzählt Stepan Altrichter von einem Macho alter Schule.

Von Alex Rühle

Vandam. Ein Name, ein Programm. Steht sogar in fetter Schreibschrift auf seiner Bomberjacke, so als sei der Mann seine eigene Marke. Vandam. Den Actionschauspieler schreibt man zwar anders, aber wen interessiert das schon in dieser Plattensiedlung, in der ihn alle grüßen, wenn er breitbeinig wie ein Sheriff auf Anabolika die Straßen runtergeht.

Jean-Claude Van Damme hatte seine besten Jahre so um 1990 herum. Vandam hatte wahrscheinlich überhaupt nie so etwas wie beste Jahre. Aber die Revolution von '89, die hat er ausgelöst. Sagen sie jedenfalls im "Polarstern", der Kneipe am Rand von Prag, da wo die Plattenbauten in den dunklen Wald übergehen. Wo sie abends ihre Lebensrestzeit absitzen, die Rentner, Bauarbeiter, Randfiguren, und einander zuprosten, "gegen all diese Schweine da oben! Gegen all diese Schweine da unten! Ein Hoch auf Vandam, unseren Nationalhelden." Vandam sitzt dabei, und so wie er den Blicken ausweicht, wenn sie ihn feiern, ahnt man, dass etwas nicht stimmt an der alten Heldensaga.

Erfunden hat diesen Vandam der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudiš. Sein Roman "Nationalstraße", erschienen 2013, ist der Monolog einer geradezu prototypischen Figur, in jeder zweiten Eckkneipe findet man Männer wie ihn. Männer, die sagen, sie hätten nichts gegen Ausländer, aber früher war das hier auf jeden Fall besser. Männer, die nicht verstehen, wo sie falsch abgebogen sind im Leben, weil es doch eh immer nur eine Sackgasse war. Männer, bei denen die Chance relativ groß ist, dass sie einem eine knallen, wenn man ihnen mit Begriffen wie toxischer Männlichkeit käme.

Vandam kam zwar noch nie aus seiner Plattenbausiedlung heraus, er steckt unverrückbar in seinem Leben mit altem VHS-Rekorder, uraltem Škoda und noch älteren Vorurteilen fest, aber das Buch über ihn wurde in elf Sprachen übersetzt und tourt als Theatermonolog quer über die Theaterbühnen Europas, zuletzt war er in Potsdam zu sehen, momentan wird in Barcelona geprobt. Jetzt hat Stepan Altrichter "Nationalstraße" verfilmt.

"Wo trinkt Ihr Frauen Kaffee? Im Supermarkt? Beim Bäcker?"

Dass mit diesem Film in einigen Bundesländern die Kinos wieder öffnen - er läuft vorerst zum Beispiel in Aachen, Essen, Mannheim, Leipzig, Halle und Stuttgart -, passt zu Vandam. Ein Virus wäre für ihn sicher irgend sowas Schwules, gegen das man einfach nur 200 kräftige Liegestütze machen muss, Ellbogen angezogen, Rücken brettgerade, und danach auf den Balkon raus: "Guten Morgen, Ihr Arschlöcher!"

Rudiš' literarischer Monolog mäandert quer durchs Unterholz der Erinnerung und der Zeiten. Ein Film braucht den klaren Plot in der Außenwelt. Also hat Stepan Altrichter die Kneipenkündigung als roten Faden genommen. Die Siedlung wird einem modernen Architektur-Ufo weichen, Lucka, Vandams unerreichbar ferne Geliebte hinterm Tresen des Polarsterns, soll rausgentrifiziert werden. Ein Developer bietet ihr eine Abfindung. Und Vandam hat endlich wieder eine Aufgabe: Geld auftreiben, schnell und viel, um diesen Deal zu verhindern. Der Polarstern, das letzte Licht in seinem Leben, darf nicht auch noch ausgehen. Alles soll doch so bleiben, wie es schon längst nicht mehr ist. Hynek Čermák spielt Vandam, als sei in seinem Körper gar nicht genug Platz für all die angestaute Wut. Wenn er isst, sieht das nicht so sehr nach Nahrungsaufnahme aus, als vielmehr nach Zornzermalmung. Aber dann lächelt er doch immer wieder so, dass man merkt, irgendwo unter all der Härte steckt noch ein Anderer. Und der würde Lucka wahnsinnig gerne mal, also, ähm, auf einen Kaffee vielleicht. "Wo trinkt Ihr Frauen Kaffee? Im Supermarkt? Beim Bäcker?"

Prag, die geografische Mitte Europas, wirkt in Altrichters Inszenierung wie sibirische Peripherie. Und Vandam ist so was wie der Hausmeister einer leer geräumten Zeit. Vielleicht wird er gerade deshalb im Zuge der aufkommenden Krise zur Figur unserer Tage. Keine sonderlich guten Aussichten für Europa.

Národní trída, Tschechien/Deutschland 2019 - Regie: Stepan Altrichter. Drehbuch: Jaroslav Rudiš, Štěpán Altrichter, nach Rudiš Roman. Kamera: Cristian Pîrjol. Mit: Hynek Cermák, Jan Cina, Kateřina Jandáčková, Václav Neužil. Verleih: 42film, 91 Minuten.

© SZ vom 13.06.2020/cag
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