NS-Besatzung im Zweiten Weltkrieg:"Noch schmerzhaft relevant"

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Raphael Gross

Der Schweizer Historiker Raphael Gross leitet das Deutsche Historische Museum und wurde beauftragt, mit anderen Experten ein Konzept für das Dokuzentrum zu erarbeiten.

(Foto: Julia Zimmermann)

Ein Dokumentationszentrum soll helfen, die deutsche NS-Herrschaft in besetzten Ländern aufzuarbeiten. Ein Gespräch mit dem Direktor des Deutschen Historischen Museums, Raphael Gross.

Interview von Florian Hassel

Im Oktober 2020 forderte der Bundestag die Bundesregierung auf, ein Dokumentationszentrum über die NS-Besatzungsherrschaft in Europa zu schaffen. Ende 2021 wollen Experten des Deutschen Historischen Museums (DHM) dafür ein Konzept vorlegen. Der Schweizer Historiker Raphael Gross leitete das Londoner Leo-Baeck-Institut und das Jüdische Museum Frankfurt am Main. 2017 wurde er Präsident des DHM. Hier schildert er seine Ideen für das geplante Dokumentationszentrum.

SZ: Herr Gross, Sie leiten das Deutsche Historische Museum als Schweizer mit einem Blick von außen. Was bedeutet das von Ihnen geplante Dokumentationszentrum zur NS-Besatzungsherrschaft in Europa für Europa?

Raphael Gross: Deutschland ist, auch wenn es dies nicht forciert, so etwas wie eine Hegemonialmacht in Europa, allein aufgrund seiner wirtschaftlichen Stärke. Nach dem Brexit gilt dies noch mehr als zuvor. Und gleichzeitig ist das, was 230 Millionen Menschen unter deutscher Besatzung zwischen 1939 und 1945 - und teilweise noch davor - erlitten haben, heute noch schmerzhaft relevant. Das gilt besonders, aber nicht nur, für die Nachkommen dieser Menschen etwa in der Ukraine, Russland, Polen, Belarus oder den Niederlanden; es gilt für Juden, Roma und Sinti, Homosexuelle, Zwangsarbeiter und andere. Oder nehmen Sie Griechenland: Als Deutschland in der Finanzkrise mehr Disziplin forderte, erinnerten sich viele Griechen an Hunderttausende Opfer des deutschen Besatzungsregimes. Wenn Deutschland nun prominent in der Bundeshauptstadt dokumentiert, dass es auch als Hegemonialmacht zu seiner Vergangenheit steht, gewinnt es damit weiteres Vertrauen.

Der Bundestag hat gleichzeitig mit Ihrem Projekt auch eine Polen-Gedenkstätte beschlossen, worüber andere Nationen wie die Ukraine erbost sind. Bekommen sie bei Ihnen Genugtuung, werden Sie in einem Saal "Deutsche Besatzung in der Ukraine und ihre Opfer" und in einem anderen "Deutsche Besatzung in Griechenland und ihre Opfer" zeigen?

Nein. Wir reden über heute 27 von der deutschen Besatzungsherrschaft betroffene Staaten und über noch viel mehr Gemeinwesen und Gruppierungen. Würden wir das national angehen und versuchen, jeden Staat oder jede Gruppe vor dem Hintergrund des erlittenen Leides abzubilden, gäbe es nie eine Lösung, die nicht zu noch explosiveren Konflikten führte. Die Ukraine, Polen, Russland und Belarus, um nur mal vier Länder zu nennen, würden sich, so wie die Verhältnisse heute sind, schwer einigen und sagen: Ja, wir sind einverstanden, wie ihr das gelöst habt. Wir wollen keine aufzählende Ausstellung, durch die Vertreter eines Landes oder einer Gruppierung mit dem Zollstock laufen und dann sagen: Was? Mehr haben wir nicht abbekommen? Wir hatten doch viel mehr Tote als ... Und was würde man daraus auch lernen?

Wie sieht denn Ihre Alternative aus?

Wir wollen Themen und Tatkomplexe schildern: etwa Zwangsarbeit. Hunger. Geiselerschießungen, Massenerschießungen. Vergasung - erst in Autos, dann in Gaskammern. Was bedeutete Euthanasie in dieser Zeit? Warum wurde sie durchgeführt, durch wen, was taten diese Leute vorher und hinterher? Wenn wir etwa zeigen, dass die Ärzte, die schon vor 1933 an Euthanasie beteiligt waren, später auch bei der Vergasung in den besetzten Gebieten dabei waren, haben wir auch Aufklärung für das deutsche Publikum geleistet. Das gilt auch für das Thema Widerstand. Viele dieser Themen sind Nicht-Spezialisten völlig unbekannt. Und ich bin mir sicher, dass wir auch für Fachleute noch Neues finden.

Zum Beispiel?

Nehmen Sie unsere aktuelle Ausstellung über die Documenta. Da hat Carlo Gentile, Spezialist für Wehrmachtsverbrechen in Italien, herausgefunden, dass Werner Haftmann, der intellektuelle Kopf der Documenta 1, 2 und 3, 1946 in Bologna als Kriegsverbrecher gesucht wurde.

Also wollen Sie über die reine Kriegs- und Besatzungszeit hinausgehen?

Das bietet sich an, wenn auch nicht für die Dauerausstellung. Aber später könnten wir etwa beschreiben, wie die deutschen Verbrechen nach 1945 in den beiden deutschen Staaten geahndet wurden, oder vielmehr: wie sie zu 99 Prozent nicht geahndet wurden. In späteren Wechselausstellungen könnten wir uns auch die dynamische Erinnerung anschauen. Etwa wie der Warschauer Aufstand von 1944 später in Polen, der DDR und der Bundesrepublik gesehen wurde. Diese Geschichte lässt sich über 1945, 1968, den Mauerfall 1989 bis heute verfolgen. Und wir würden die entsprechenden Debatten führen - oder aushalten.

Noch einmal zur nationalen Dimension. Wollen Sie die völlig ausblenden?

Natürlich nicht - aber wir wollen sie thematisch einbetten. Vielleicht zeigen wir Statistiken, die klarmachen, welches Terrorinstrument wie stark in Norwegen angewendet wurde, wie im ehemaligen Jugoslawien und Rumänien, in Belarus oder auf dem Gebiet des heutigen Russland. Und natürlich bemühen wir uns um Input aus ganz Europa. Wir führen Gespräche mit 150 Interessensverbänden oder Vertretern von Opfergruppen aus ganz Europa und fragen sie nach ihren Wünschen oder Perspektiven. Mein Mitarbeiter, der Historiker Raphael Utz, hat gerade etwa eine alte jüdische Dame aus Belgien getroffen, die als Kind versteckt wurde und so überlebt hat. Die Ausstellung wird eine europäische Dimension haben, von den Kanalinseln bis nach Odessa.

In Danzig hat der Gründungsdirektor des Museums des Zweiten Weltkrieges in der Planung auch angesehene ausländische Historiker wie Timothy Snyder oder Norman Davies beteiligt. Sie auch?

Ich werde durch eine Arbeitsgruppe der Leiter wichtiger deutscher Gedenkorte unterstützt, und natürlich besprechen wir uns auch mit einer weltweiten wissenschaftlichen Gemeinschaft. Wir haben eine weitere Arbeitsgruppe mit zwölf Historikern aus Russland und der Ukraine, aus Norwegen, Polen, Frankreich und so weiter. Sie sind Historikerinnen und Historiker, nicht Vertreter ihrer Länder, die immer mit Rücktritt drohen müssen, wenn ihnen eine Formulierung nicht passt ...

... so wie es etwa bei der Planung des Dokumentationszentrums "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" der Fall war. Aber ist Ihr Projekt nicht auch politisch, da vom Bundeskanzleramt bestellt?

Der Auftraggeber ist zunächst der Bundestag, dem die Initiative für diese Einrichtung zu verdanken ist. Unser Auftrag ist natürlich politisch, aber nicht unser Projekt. Die Historiker unserer Arbeitsgruppe etwa wurden nicht von der Bundesregierung oder ihren jeweiligen Ländern berufen, sondern von uns.

Wie geht es denn weiter, wenn Sie Ende des Jahres Ihr Konzept übergeben haben? Wann eröffnet das Dokumentationszentrum?

Immer langsam, unser Konzept ist ja gerade einmal eine Geburtshilfestudie zur Gründung einer noch gar nicht bestehenden Institution. Das Drehbuch für eine Dauerausstellung dieser Größenordnung zu entwerfen, dauert mindestens fünf Jahre. Die eigentliche Arbeit kann erst beginnen, wenn der neue Bundestag beschlossen hat: Jawohl, wir machen das - und stellen dafür Geld zur Verfügung.

Die Arbeitsgruppe für die Polen-Gedenkstätte fordert, die schnelle Umsetzung im kommenden Koalitionsvertrag festzuzurren. Sie auch?

Ja. Unser Projekt kann eines der wichtigsten in Europa sein und sollte Priorität haben.

Dann wird es aber doch ein hochpolitisches Projekt. Spüren Sie keine politischen Erwartungen an das Dokumentationszentrum?

Doch. Wir waren ja bei verschiedenen politischen Anhörungen. Viele Politiker und Bundestagsabgeordnete werden im Ausland immer nach diesem oder jenem Ereignis aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges gefragt und haben das Gefühl: Jetzt erledigen wir das und geben all diesen Ländern zu verstehen, dass wir uns zu dem bekennen, was wir zwischen 1939 und 1945 bei ihnen getan haben. Und sie erwarten sich von uns, von der kommenden Einrichtung, eine Art Schlussstrich. Aber das wollen wir gerade nicht; wir wollen immer neue Erkenntnisse darstellen, auch mit Forschungen und immer neuen Wechselausstellungen, und so den betroffenen Europäern signalisieren, dass dieses mächtige Deutschland nicht Schluss mit dem Erinnern macht, sondern eine lebendige Einrichtung schafft.

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