NS-Kulturpolitik in Österreich:Unterm "Sonnenrad"

AUF LINIE
NS-KUNSTPOLITIK IN WIEN
14. Oktober 2021 bis 24. April 2022
Wien Museum
MUSA

Das Wiener Künstlerhaus, 1938.

(Foto: Wien Museum)

Eine Ausstellung in Wien beleuchtet die Kontrolle der Wiener Kunstszene durch die Nationalsozialisten.

Von Cathrin Kahlweit

Vor neun Jahren ließ der damalige österreichische Verteidigungsminister, Norbert Darabos, in der Krypta am Wiener Heldenplatz den Sockel eines Denkmals öffnen, das der Bildhauer Wilhelm Frass 1935 gestaltet hatte. Jahrzehntelang hatten sich Gerüchte gehalten, dass er unter dem Grab des Unbekannten Soldaten eine Botschaft versteckt habe, und tatsächlich: Frass hatte eine Art "Grundsteinurkunde" verfertigt. Sie fand sich in einer Metallkapsel unter dem Sockel - ironischerweise neben einer zweiten Kapsel mit einer konträren Botschaft, in der ein Gehilfe des Bildhauers, Alfons Riedel, feststellt, er hoffe, keine Denkmäler mehr für die Opfer von Kriegen bauen zu müssen.

Kellernazi Frass hingegen fabulierte von seinem "Glauben an die ewige Kraft des deutschen Volkes", dem er diesen Stein widme - und er hoffe, dass der Herrgott "unser herrliches Volk einig im Zeichen des Sonnenrades dem Höchsten" zuführe. Frass, während der Zeit des Austrofaschismus der Präsident des "Künstlerverbandes der österreichischen Bildhauer", war schon in den Dreißigerjahren ein gut beschäftigter Mann gewesen; seine Botschaft an die Nachwelt verfasste er aber noch als illegales Mitglied der NSDAP.

Die Heimlichkeiten endeten schnell: Er diente sich ab 1938 erfolgreich den Nazis in Wien an, die die Kunstszene der "Ostmark" unter der Führung der "Reichskammer der bildenden Künste" kontrollierten, und sondierte für den damaligen Vize-Bürgermeister Hanns Blaschke im Kulturamt, welche Bildhauer in den Genuss städtischer Förderungen kommen sollten.

Beiden Männern, Frass und Blaschke, kann man von diesem Donnerstag an in einer Ausstellung des Wien-Museums begegnen, die sich unter dem Titel "Auf Linie. NS-Kunstpolitik in Wien" damit befasst, wie die Reichskammer und lokale Nazi-Größen Tausende Wiener Künstler und Künstlerinnen in ihr System zwangen. Nur wer kunst- und rassenpolitisch genehm war, durfte seinen Beruf ausüben. Ein Glücksfall in Wien: Die Akten von 3000 Zwangsmitgliedern der Reichskammer sind noch erhalten; sie waren 1946 an die wiedergegründete Berufsvereinigung Bildender Künstler übergeben worden. Ingrid Holzschuh und Sabine Plakolm-Forsthuber, die auch die Ausstellung im Museum kuratiert haben, haben sie aufgearbeitet.

Kann man NS-Propagandakunst heute im Museum zeigen? Und wenn ja: wie?

Sie nahmen aber nicht nur die Akten, sondern auch die künstlerischen Hinterlassenschaften der NS-Zeit in Wien ins Visier, und fanden sich, wie auch das Museum selbst, vor eine schwierige Aufgabe gestellt. Wie gehen, fragt Holzschuh, "Institutionen damit um, dass Werke aus der NS-Zeit in ihrem Bestand sind - und doch nie ausgestellt werden"? Soll man, ganz konkret, aus den Sammlungen des Museums NS-Kunst zeigen, und vor allem: wie? Aus städtischem Besitz, durch Ankäufe, Schenkungen, Hinterlassenschaften kamen Hunderte Objekte aus jener Zeit zusammen; vieles, aber nicht alles ist Propagandakunst, und vieles, aber nicht alles hat einen historischen oder wissenschaftlichen Wert.

Unter Reichsstatthalter Baldur von Schirach, der zwischen 1940 und 1945 große Nähe zur Wiener Kulturelite pflegte und mit seinem Diktum, in Wien sei "alle Kunst zuhause", in Berlin für Irritationen sorgte, wurden vor allem Musik und Bildende Kunst stark gefördert. Der Historiker und Schirach-Biograf Oliver Rathkolb schreibt, dieser habe beträchtliche "Budgetmittel lockergemacht", während er "die Kulturinstitutionen der Stadt unmittelbar administrierte". Er habe sich in der Rolle des Mäzens gefallen und für den Ankauf zahlreicher Gemälde gesorgt - für öffentliche Einrichtungen, aber auch für sich selbst. Dass seine eigene umfangreiche Sammlung zum Teil auf Arisierungen und Kunstraub basierte, ist eine andere Geschichte.

Die zwei Forscherinnen der Schau zur NS-Kunstpolitik entschieden sich gemeinsam mit dem zuständigen Kurator des Wien-Museums, Gerhard Milchram, die Gemälde, Grafiken und Gegenstände so zeigen, wie sie im Depot des Museums verwahrt, archiviert oder restauriert werden, um sie ästhetisch zu brechen: auf Staffeleien, an Metallhaken, in Verpackungen, in Atelierumgebung. Für Milchram ist klar: "Entsammeln", also entsorgen, gehe gar nicht. Unter-Verschluss-Halten auch nicht. Die Werke wissenschaftlich zu bearbeiten, zu analysieren, zu beforschen, und dann im Kontext zu zeigen - das sei der richtige Weg.

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Wien Museum
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Weder verstecken noch feiern: Das Museum zeigt die Kunst aus der NS-Zeit, hier ein Gemälde von Hertha Karasek-Strzygowski von 1940, so, wie sie im Depot aufbewahrt, erforscht, restauriert wird.

(Foto: Paul Bauer/Wien Museum)

Das Depot des Museums ist ein großer, weißer Kubus am Ostrand der Stadt; sieben Stockwerke voller Steinmetzarbeiten, Gemälde und Grafiken, Mode und Tand, Rüstungen und Möbel, Kunst und Krempel - was so zusammenkommt über die Jahrzehnte, wenn eine städtische Einrichtung, die sich als Universalmuseum versteht und Objekte von der Jungsteinzeit bis zu den Roben des Life Balls, der großen Wiener Aids-Benefiz-Veranstaltung, sammelt. Milchram führt, kurz vor der Eröffnung, auf einem kleinen Spaziergang durch den Fundus; die Arbeiten aus der NS-Zeit hängen beschriftet und katalogisiert gleichberechtigt zwischen Jugendstil und alten Meistern.

Selbst das scheinbar Unpolitische war gesteuert, nichts ist unschuldig entstanden

"Das Nazi-Zeug interessierte lange nicht", sagt er; erst langsam beginne, abseits weiter ungelöster Restitutionsfragen, eine neue Auseinandersetzung mit der Rezeption dieser Werke. Die Nazis hätten sich bekanntlich bewusst und mit aller Macht mit eigenen Werken, eigenen Sammlungen in die Geschichte der Stadt eingeschrieben, sagt Milchram und packt sehr vorsichtig eine sorgsam verpackte und verklebte Eternitplatte mit dem Bild eines sogenannten Juli-Kämpfers aus - eines jener Putschisten, die 1934 beim Aufstand gegen die Bundesregierung den damaligen Kanzler Engelbert Dollfuß tödlich verletzten. Der Nationalsozialist Hans Domes war aufgrund seiner Beteiligung am Putsch 1934 hingerichtet worden; sein Porträt wurde in der enorm gut besuchten NS-Ausstellung über den "Kampf um Wien" gezeigt.

Diese Arbeit sei ein Klassiker der "Eigenhistorisierung" der NS-Kämpfer aus jener Zeit, sagt Milchram und zieht als weiteres Beispiel ein Porträt des Alpenvereinsvorsitzenden und legendären Bergsteigers Eduard Pichl aus einem meterhohen Metallregal. Pichl hatte als glühender Antisemit bereits 1921 den Arierparagraf in der "Sektion Austria" des Alpenvereins eingeführt; er galt früh als "Heroe" der Bewegung. Reihenweise Kriegsszenen, Panzer und Feuergefechte, brennende Ruinen und martialisch blickende Helden hängen in Öl und Aquarell ein paar Meter weiter - zwischen Winterlandschaften und Sommer-Idyllen aus den Wiener Alpen, wo dereinst die liberale Boheme und das jüdische Bürgertum sommerfrischte. Nichts davon, selbst das scheinbar Unpolitische, so Kurator Milchram, sei jemals "unschuldig entstanden, unschuldig konzipiert" gewesen: "Alle Kunst wurde gesteuert und gesehen durch den Filter der Kulturkammer, gewollt war genehme Kunst von genehmen Künstlern."

Besonders populäre Werke wie etwa die "Fahrt des Führers zur Proklamation am 15. März 1938" vom Wiener Fachreferenten für Malerei in der Reichskulturkammer, Igo Pötsch, wurden hundertfach reproduziert; das Original ging als Geschenk an Schirachs verhassten Vorgänger, den Gauleiter von Wien, Josef Bürckel. Aber auch vorsichtige Absetzbewegungen von der gleichgeschalteten Kunst jener Jahre lassen sich im Depot finden: In der Grafiksammlung holt Milchram eine großformatige Aktenmappe hervor, in der Hitler-Bilder gestapelt sind. Die Reproduktion einer Grafik zeigt ihn in Uniform mit rührend roten Bäckchen und ungewohnt buschigem Schnauzer - nicht ganz die übliche, stilisierte Hitler-Darstellung. Das Original von 1940, das kriegsbedingt zeitweilig ausgelagert war, ging offenbar 1945 verloren. Milchram zeigt mit leisem Lächeln die Anmerkung eines Archivars zu dem Verlust auf der Rückseite des Blattes: "Kein Schad drum".

Vieles ist nach Kriegsende verschwunden - und nicht immer sind es, wie die Wiener gern behaupteten, "die Russen" gewesen. Auch heimische Plünderer und SS-Truppen, so der Kurator, hätten in den letzten Monaten vor der Niederlage noch abgeschleppt, was nicht niet- und nagelfest war. Von dem, was übrig ist, wird nun einiges - parallel zu den Einzelschicksalen von Wiener Künstlern, die sich aus den Akten der Reichskammer für bildende Künste herausfiltern lassen - in Wien gezeigt. Im kommenden Frühjahr wandert die Nazi-Kunst dann wieder ins Depot des Wien-Museums. Vorher aber soll noch einmal in einem Symposium debattiert werden, ob es einen "richtigen" Umgang mit NS-Kunst gibt und ob man sie tatsächlich heute, fast 80 Jahre später, wieder zeigen soll: Forscherin und Ausstellungsmacherin Sabine Holzschuh findet, man müsse diese Kunst, mit allen Brechungen, schon deswegen zeigen, weil die NS-Zeit in den meisten Darstellungen zur Kunstgeschichte in Österreich im 20. Jahrhundert weitgehend ausgeblendet werde.

Zahlreiche Künstler, die in der NS-Zeit hoch angesehen waren und dem Regime begeistert zuarbeiteten, waren zudem auch nach Kriegsende gut dotierte und gut beschäftige Stars der Kunstszene in Österreich. In der Ausstellung sind sie in ihren fragwürdigeren Rollen zu sehen. Was wiederum zu Wilhelm Frass, dem Bildhauer aus der Krypta am Heldenplatz zurückführt: Er wurde nach 1945 als "minderbelastet" eingestuft und wieder in den Kunstbetrieb integriert. Als er 1968 starb, erhielt er ein Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof. Der Status wurde ihm erst 2012 aberkannt.

Auf Linie. NS-Kunstpolitik in Wien. Wien-Museum. 14. Oktober bis 24. April. Der Katalog kostet 34 Euro.

© SZ/jhl
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