Nationalsozialismus Einem Bestseller auf der Spur

Sven Felix Kellerhoff und Antoine Vitkine haben sich Adolf Hitlers "Mein Kampf" vorgenommen.

Von Robert Probst

Der Countdown läuft. Nur noch wenige Wochen, dann ist es wieder da. Das Buch. Das böse Buch. Dabei war es ja nie richtig weg, antiquarisch und im Internet jederzeit leicht zu finden, im Ausland sowieso. Aber Neuauflagen sind hierzulande verboten. Und nun am 31. Dezember: Das Werk wird "gemeinfrei", der bayerische Staat hat keinen Zugriff mehr auf die Hinterlassenschaften von Adolf Hitler. Und schon jetzt steht eines fest. Das Medieninteresse wird groß, größer, am größten sein. Denn auch nach der Ära Guido Knopp gilt weiterhin: Hitler bewegt - zwar nicht mehr die Massen, aber doch noch viele Menschen. Und die Hauptrolle wird diesmal nicht gespielt von Hitlers Soldaten, nicht von Hitlers Frauen, nicht von Hitlers Hunden, sondern von Hitlers Büchern.

Wer sich die Zeit bis zum 4. Januar - an diesem Tag erscheint wohl die kommentierte Fassung von "Mein Kampf" aus dem Münchner Institut für Zeitgeschichte - mehr oder weniger sinnvoll vertreiben will, der hat in nächster Zeit viele Möglichkeiten. Da wäre die Kinofilm-Satire "Er ist wieder da" nach dem fragwürdigen Bestseller von Timur Vermes, da wären die Theateraufführungen "Adolf Hitler: Mein Kampf 1 & 2" des Berliner Theaterkollektivs Rimini Protokoll, oder - natürlich - ein paar Sachbücher, die sich der vermeintlichen Bibel der Nationalsozialisten anzunähern versuchen.

So hat sich der Welt-Journalist Sven Felix Kellerhoff ausführlich mit zahllosen Aspekten der "Karriere eines deutschen Buches" befasst. Seine These: Nicht zuletzt aufgrund der starren und unverständlichen Haltung des bayerischen Staates, die jede seriöse Auseinandersetzung mit Hitlers Originaltext über Jahrzehnte verhindert habe, sei "Mein Kampf" eine Art schwarzes Loch der NS-Forschung geblieben - noch immer gebe es mehr Verwirrung als Faktenkenntnis, und darum hat sich der Leitende Redakteur zum Ziel gesetzt: "Hitlers Werk muss dringend entmythologisiert werden."

Sven Felix Kellerhoff: "Mein Kampf" - Die Karriere eines deutschen Buches. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2015. 367 Seiten. 24,95 Euro. E-Book 17,99 Euro

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Nun ist die Faktenkenntnis in Fachkreisen durchaus vorhanden, viele historisch interessierte Leser, und an diese wendet sich Kellerhoff zuvorderst, können hier allerdings ihre Kenntnisse durchaus über die geläufigen Bruchstücke ("Ich aber beschloss, Politiker zu werden") und Anekdoten hinaus erweitern. Zuvor muss man sich allerdings durch knapp 50 Seiten Inhaltsangabe der Hitlerschen Ergüsse quälen - allein das ein klares Indiz, dass kaum jemand die beiden Adolf-Bände als spannende Lektüre betrachten dürfte. Über die Umstände, die den gescheiterten Putschisten vom 9. November 1923 zu seiner schriftstellerischen Großleistung antrieben, erfährt man dagegen wenig, umso mehr aber darüber, wer nun in der Festung Landsberg die Gedanken des späteren Führers in die Schreibmaschine tippte. Offenbar nicht Rudolf Hess, so viel sei verraten.

Wirklich spannend wird es aber, wenn Kellerhoff die Quellen betrachtet, aus denen Hitler - ohne jemals zu zitieren - schöpfte, und er dessen Arbeitsweise der "selektiven, willkürlichen und vorurteilsgesteuerten Lektüre" nachzuempfinden versucht; wenn er akribisch den Irrtümern, Unwahrheiten und den Selbststilisierungen nachgeht und so gleichzeitig die Biografie Hitlers noch mal vor dem Leser aufrollt; wenn er untersucht, mit welchem Sarkasmus ("so dick wie armselig") und gleichzeitig mit welcher Hilflosigkeit erste Rezensenten sich an dem Machwerk abzuarbeiten versuchten.

Viele Erkenntnisse gehen arg ins Detail, Kellerhoff hat ein Faible für Zahlen ("219 000 Wörter" umfassten beide Bände), was ihm allerdings bei der wichtigen Frage nach Hitlers Umgang mit seinen exorbitanten Einkünften (wohl zwölf Millionen Reichsmark bei einer Auflage von 12,4 Millionen deutschen Exemplaren) und dessen wenig ausgeprägter Steuerzahlmoral sehr zugute kommt. Wie viele Deutsche "Mein Kampf" wirklich gelesen und verstanden haben, kann auch Kellerhoff nicht klären, es liegen dazu nur wenige, nicht repräsentative Erhebungen aus der Zeit nach 1945 vor. Der Aussage: "Ein ungelesener Bestseller war ,Mein Kampf' sicher nicht", lässt sich sicher zustimmen.

Antoine Vitkine: Hitlers Mein Kampf - Geschichte eines Buches. Aus dem Fran- zösischen von S. Hedinger, S. Schneider, C. Stonner. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2015. 315 Seiten, 16,99 Euro. E-Book 12,99 Euro

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Die Nachwirkungen des Buches seit Ende des Zweiten Weltkrieg und das unselige Verhalten der bayerischen Finanzbürokratie, die Hitlers Nachlass bewachte und sich um eine schädliche Wirkung bei der Lektüre sorgte, werden vergleichsweise kurz abgehandelt - allein diese Geschichte wäre wohl ein eigenes Buch wert.

Ganz anders ist der französische Filmemacher und Autor Antoine Vitkine an das Thema herangegangen: mit dem Blick von außen, mehr Verve, aber deutlich weniger strukturiert. Die Arbeit basiert auf einem Dokumentarfilm aus dem Jahr 2008 über das "schrecklichste Buch, das je auf Deutsch geschrieben wurde". Seiner Meinung nach lebt in "Mein Kampf" etwas von Hitler weiter, wie in der Hostie der Leib Christi. Auch Vitkine geht es darum zu verstehen, warum das Buch zum globalen Bestseller wurde, in dem zwar kein Programm, aber doch der "Schlüssel zum Verständnis des Nationalsozialismus" enthalten war. Ein starker Fokus liegt auf der verworrenen Geschichte des Buches im Land des "Todfeinds" Frankreich, doch auch hier ermüdet oft die Liebe zum Detail. Ein Plus allerdings ist die ausführliche Schilderung der verstörenden Nachkriegs-Rezeption in der islamischen Welt. Vitkine scheut sich nicht, seine Ich-Perspektive einzubringen - wobei er etwa einige deutsche Historiker anklagt, sich nicht genügend um das Hitler-Werk gekümmert zu haben. Einig ist er sich mit Kellerhoff, dass ein Wegsperren der falsche Weg war und ist. "Man sollte lieber möglichst vielen dabei helfen, das Buch zu entschlüsseln."

Fazit: Sven Felix Kellerhoff hat das "schwarze Loch" mit vielen Fakten, noch mehr Zahlen und Nüchternheit gut gefüllt. Antoine Vitkine hält mit Bewertungen, Erlebnissen und Erzählkunst dagegen. Wer über die kommentierte Neuauflage von "Mein Kampf" wirklich mitreden möchte, kann sich vorbereiten.