Nationalismus "Völkisch" war immer partikular - das Nationale einst universal

So wurde das Wort "völkisch" spätestens seit der Wende zum 20. Jahrhundert durchweg gebraucht. Es steht für eine Vorstellung von Gemeinschaft, in der die politischen Ideale von Gleichheit und Brüderlichkeit nur innerhalb der eigenen Gruppe gelten, aber nicht zwischen den Völkern. Menschheit und Humanität spielen in diesem Denken keine Rolle. "Völkisch" war immer partikular, gebunden an die Abstammungsgemeinschaft, während das Nationale der Französischen Revolution ursprünglich eine universale politische Form ist - in seiner Reinform eine Willensgemeinschaft mehr als eine Schicksalsgemeinschaft und darum offen für neue Bürger.

So sagt es die Definition von Ernest Renan, der die Nation ein "tägliches Plebiszit" nannte und damit als immer wiederkehrende freie Übereinkunft beschrieb. Das ist, als Ideal oder regulative Idee, dann ziemlich genau das Gegenteil von Familie, Stamm, Blutsverwandtschaft und Abstammungsrecht. Dass auch solche Willensnationen besser funktionieren, wenn sie in den eingeübten Lebensformen und lebendigen Traditionen einer gemeinsamen Geschichte ruhen, bleibt unbenommen.

Die Identitären erklären komplexe Kulturnationen zu Völkern

Die einen Gedenken ihrer Siege und Revolutionen, die anderen auch ihrer Untaten, erstaunlicherweise mit ähnlichem integrierendem Effekt. Giftig und hassträchtig kann solcher Bezug auf Kultur und Tradition werden, wenn er zu einem Kult des "Eigenen" wird, das Fremden angeblich nicht zugänglich sei. Die Selbstvergottung bleibt die ewige Versuchung des Nationalen, und natürlich waren auch die Franzosen der Revolution nicht gegen sie gefeit.

Der gedankliche Trick der neuen "identitären Bewegung", die heute das aufgefrischte Völkische de luxe darstellt, besteht nun darin, dass sie alte, komplex zusammengesetzte Kulturnationen zu Völkern erklärt, also zu Naturwesen, die am besten unvermischt nebeneinander bestehen. So wird ein moderner, lässiger Identitärer gewiss nicht von "Herrenrassen" oder "Untermenschen" reden, Gott bewahre. Er wird nur sagen, dass die Fremden nicht zu uns "passen" und besser ihre eigene Eigenart bewahren sollten. Diese Identitären sind auf ihre Weise durchaus für die Gleichheit der Verschiedenen, aber nur auf der Ebene der in sich möglichst rein zu erhaltenden, getrennt bleibenden Völker und Kulturen. Innerhalb der Völker dagegen soll es bei der Gleichheit der Gleichen bleiben, ohne Mischungen oder Einflüsse von Fremden.

"Identitär" ist daher die eigentliche postmoderne Verkleidung für das alte "völkisch". Es ist also überflüssig, sich aufzuregen, wenn Frauke Petry wieder "völkisch" fühlen will. Damit gibt sie eine willkommene Auskunft über ihr Denken. Ob man das rassistisch nennt, ist fast gleichgültig, denn auf jeden Fall läuft es auf die Verabschiedung einiger der besten Teile der deutschen Tradition hinaus: Diese erfand in Aufklärung und Historismus die Liebe zum eigenen Volk in enger Verbindung mit der Hochschätzung aller anderen Völker. Mit diesem Erbe haben die heutigen identitären Rechten nichts zu schaffen.

So wirkt es nur komisch, wenn der AfD-Redner Björn Höcke auf dem Magdeburger Domplatz "Geschichte atmet" und den seit 1043 Jahren toten Otto den Großen duzt: "Otto, ich grüße dich!" Oder wenn auf einem Youtube-Kanal ein junger österreichischer Identitärer in einem Wald sitzt und Hugo von Hofmannsthals Aufsatz über Beethoven vorträgt. Der mittelalterliche Herrscher nämlich verstand sich als Römischer Kaiser, der nichts Besseres zu tun fand, als seinen Sohn mit einer byzantinischen Prinzessin zu verheiraten. Und der Dichter Hofmannsthal, ein wahrer Kulturmischling der Habsburgermonarchie, rühmte den Komponisten der mitreißendsten Revolutionsmusiken - was sollte daran völkisch, identitär sein?

Die Rechtspopulisten haben die Linken rhetorisch überholt

Wer die Massen erreichen will, muss deren Sprache sprechen - rechte Wortführer wie Hofer oder Trump haben das verstanden. Auch wenn es schaurig klingt: Die Linke muss von ihnen lernen. Von Julian Dörr mehr ...