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Nationale Identität:Populistische Vorurteile

Wenn also die wirtschaftlichen Vorurteile der Populisten so nachhaltig entkräftet sind, kann man sehr viel optimistischer über die Folgen für die Identität nachdenken. Und weil Amerika da so einen Vorsprung hat, wird man dort auch fündig.

Es ist 22 Jahre her, dass der kanadische Philosoph Charles Taylor mit seinem Essay "The Politics of Recognition" (Die Politik der Anerkennung) den Multikulturalismus infrage stellte. Er etablierte den Widerspruch zwischen Gleichwertigkeit und Identität. Nicht die Toleranz, sondern die Anerkennung, wenn nicht sogar der Schutz authentischer Identitäten garantiere die Grundlage für eine gerechte Gesellschaft.

Darf man eine Kultur untergehen lassen? Aber ja

Taylors Essay stieß damals eine heftige philosophische Debatte an. Jürgen Habermas verfasste einen Kommentar, der deutlich machte, dass es keineswegs ausreiche, wenn alle Bewohner eines Staates vor dem Gesetz gleich seien. Sie müssten vielmehr zu Autoren ihrer Gesetze werden, um wirklich Teil einer Demokratie zu werden. Nur der Diskurs der Gesetze könne dies gewährleisten. Diese Konsensfindung aber könne das Überleben der einzelnen Kulturen nicht garantieren.

Der Philosoph Kwame Anthony Appiah forderte gar eine Bereitschaft, Kulturen untergehen zu lassen. Jede Kultur, egal ob nationaler, religiöser, ethnischer oder sexueller Natur, verlange von ihren Vertretern, sich einem Verhaltenskodex zu unterwerfen. Das aber widerspreche der wahren Freiheit einer individuellen Identität, die sich von solchen Zwängen lösen muss, um dem Einzelnen zu erlauben, seine eigene Lebensgeschichte zu verfassen. Bald folgte der Essay "Postethnic America" des Historikers David Hollinger, der aus dieser Überwindung des Multikulturalismus einen universalen Gedanken der Nation einforderte, der auf freiwillig angenommenen, nicht angeborenen Identitäten beruht.

Lernen von Syrien

Was hier bei allen Reduktionen im Ansatz anklingt, ist ein Beginn der Loslösung von den Konzepten der sozialen und kulturellen Grenzen. In Deutschland sind solche Debatten selten. Und doch kann dieser Moment, an dem all diese freundlichen Zahlen der gesellschaftlichen Gegenwart die Grundlage für unbeschwerte Überlegungen sein können, zu einem Wendepunkt in der Selbstwahrnehmung der Deutschen werden. Für Leitkulturen ist in einer solchen Welt kein Platz.

Allein die jüngste Flüchtlingswelle zeigt, dass Veränderungen nicht nur in Wirtschaft und Gesellschaft anstehen. Mit den Flüchtlingen aus Syrien kommen Menschen, die einen enormen Bildungsstand und zugleich einen ganz anderen Hintergrund haben. Wer in Damaskus aufwuchs, der wurde von einem Knotenpunkt der arabischen, russischen und mediterranen Philosophien geprägt. Es wäre eine von vielen verpassten Chancen, sich dem nicht zu öffnen.

© SZ vom 04.12.2014

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