"National Gallery" im Kino:Erzählkunst, die am Schneidetisch entsteht

Museumsführer in "National Gallery", der Doku von Frederick Wiseman.

Die Museumsführer sind in Frederick Wisemans Film souveräne Performer und kenntnisreiche Scouts, die mit viel Enthusiasmus Laien die nicht immer leicht zu findenden Pfade aufzeigen, die zum Verstehen alter Kunst führen.

(Foto: Kool)

Da ist die eingangs erwähnte Lücke riesengroß, die sich in diesem Fall zwischen der Performance und den Bildern auftut, vor denen sie stattfindet, mit denen sie aber auch korrespondiert: hier das Fleisch in Ölfarbe, dort der durchtrainierte Körper der Tänzerin.

Gleichzeitig denkt man unwillkürlich an die Erläuterungen zum Pferdemaler George Stubbs, die man im Film gehört hatte, der die Objekte, die er malte, gehäutet an einem großen Fleischerhaken an die Decke hing, um sie in Ruhe zu studieren.

Wiseman Erzählkunst entsteht vor allem am Schneidetisch. Auch "National Gallery" hat er wieder selbst montiert. Und so wie ein Maler Schicht um Schicht auf die Leinwand aufträgt, trägt Wiseman immer wieder neue Aspekte zusammen, bis das Museum als Gesamtkunstwerk erscheint.

Wir erleben strategische Überlegungen der Museumsleitung, was gezeigt werden soll, wie stark man dem Publikumsinteresse entgegenkommen will. Wir sehen, wie Ausstellungsräume umgestaltet werden, wie an der Rahmung, der Hängung, schließlich der Ausleuchtung von Bildern getüftelt wird. Wie sich die Wirkung eines Bildes dadurch verändert. Und dass auch die Präsentation nach außen, die Public Relations, eine Kunst für sich ist.

Wenn Wiseman einem Kurator bei einem Interview fürs Fernsehen zusieht, reflektiert er gleichzeitig das eigene Tun, schließlich setzt man sich auch für seine Kamera in Szene.

Große Kunst deckt nicht alles gleich auf

Die ehrwürdigen Hallen der Kultur sind nun mal keine Welt für sich. Gelegentliche Schnitte auf den Trafalgar Square mit dem Sound von Polizeisirenen sind jedes Mal ein kleiner erzählerischer Bruch.

Auch die Budgetprobleme des Museums werden thematisiert; und erwähnt wird auch, dass der Grundstock der Sammlung von jemandem gelegt wurde, der den Erwerb von Kunstwerken aus dem Sklavenhandel finanzierte. Das ist der sozialkritische Wiseman, wie man ihn aus früheren Arbeiten kennt.

Der Aspekt findet seine Fortsetzung in der Gegenwart, wenn Demonstranten an der Museumsfassade ein Transparent mit der Aufschrift "It's no oil painting" enthüllen, mit dem o in Form des Shell-Logos; kritisiert werden die Ölbohrungen des Konzerns in der Arktis. Dass Shell der Sponsor der aktuellen Rembrandt-Ausstellung in der Gallery ist, erfährt man im Film allerdings nicht, das muss der Zuschauer selbst herausfinden. Große Kunst, heißt es, deckt nicht alles gleich auf. Das gilt wohl auch für Wisemans Film.

National Gallery, F, USA, GB 2014 - Regie, Schnitt, Ton: Frederick Wiseman. Kamera: John Davey. Verleih: Kool, 173 Minuten.

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