"National Gallery" im Kino Am Abgrund von Raum und Zeit

Besucher schauen Gemälde an - und diese schauen zurück. Frederick Wisemans "National Gallery" ist eine Reflexion über die Gegenwärtigkeit alter Kunst.

(Foto: Kool)

Er ist der vielleicht größte lebende Dokumentarfilmer, was Frederick Wiseman in "National Gallery" erneut beweist. Den alten Meistermalern fühlt er sich sichtlich verbunden. Ihre Ewigkeit fasziniert ihn, doch er fordert sie auch heraus.

Von Martina Knoben

Die Lücken sind das Aufregende. Dort, wo Sprache das Verstehen behindert, wie es die Lyrikerin Jo Shapcott beschreibt. Die rezitiert am Ende des Films ihr Gedicht "Kallistos Song", eine Auseinandersetzung mit Tizians Gemälde "Diana und Kallisto" in der National Gallery. Zu diesen "Lücken" zählt auch der Raum, der sich auftut, wenn die Museumsbesucher dort auf die Alten Meister blicken. Oder wenn Frederick Wiseman mit seiner Kamera durch das Museum streift und mit den Mitteln des Films die Wirkung von Gemälden und den Museumsbetrieb erkundet.

Zwölf Wochen verbrachte der Großmeister des Direct Cinema, des beobachtenden Dokumentarfilms, in der Gemäldegalerie. 170 Stunden Material, am Ende ein Drei-Stunden-Film sind dabei entstanden.

"National Gallery" ist eine kenntnisreiche Führung durch das berühmte Londoner Museum, ein Schnellkurs in Kunstgeschichte, vor allem aber eine kluge und leidenschaftliche Reflexion über Kommunikation und Kunst. So intensiv blicken Museumsbesucher und die Kamera von John Davey auf die Alten Meister, dass diese schließlich zurückblicken - und der Abgrund von Zeit und Raum erst recht fühlbar wird. Was sagen uns die Bilder heute? Mind the gap!

Wisemans Film hat viele Helden. Zuallererst die Menschen auf den Bildern, mit denen die Kamera intensive Zwiegespräche führt. Aber auch die Kunstvermittler, die Museumsführer, bekommen von Wiseman eine Bühne bereitet. Es sind souveräne Performer und kenntnisreiche Scouts, die mit viel Enthusiasmus Laien die nicht immer leicht zu findenden Pfade aufzeigen, die zum Verstehen alter Kunst führen.

Die Alten Meister waren raffinierte storyteller

In gewisser Weise sind wir ja alle Sehbehinderte. Deshalb gehört zu den schönsten Sequenzen des Films jene, in der eine Museumspädagogin einer Gruppe von tatsächlich Sehbehinderten anhand gestanzter Vorlagen und kluger Beschreibung Camille Pissarros "Boulevard Montmartre bei Nacht" nahebringt. Wie die Linien laufen, wo der Maler Farbakzente setzt, wo Gerade-noch-Licht in Dunkelheit übergeht - solche Erläuterungen helfen Bilder zu lesen.

Und das lohnt sich. Die Alten Meister waren raffinierte storyteller. Unterhaltung, Erbauung, Brautwerbung via Porträt: Die Liste der Aufgaben, die Maler hatten, bevor Fotografie und Film erfunden wurden, ist lang. Und Frederick Wiseman, selbst ein erfahrener Erzähler, fühlt sich den Meistern sichtlich verbunden.