"Nathan der Weise" in München Lessings Stück ist hochaktuell

Das dürfte sich geändert haben. IS, Boko Haram, Pegida, die Anschläge auf Charlie Hebdo: In Anbetracht der politischen Weltlage, in der der Kampf der Religionen sich fatal verschärft und sich in menschenverachtendem Terror ebenso entlädt wie in dumpfen Ängsten und Vorurteilen, ist die Wiederbegegnung mit Lessings Toleranzparabel eine hochaktuelle, hochspannende Angelegenheit.

Der Volkstheater-Intendant Christian Stückl, als Leiter der Oberammergauer Passionsspiele so etwas wie ein Berufskatholik, kam auf den Text, als er letzten Sommer in Indien den heftigen Streit zwischen Hindus und Moslems erlebte. Während der Proben in den zurückliegenden Wochen haben sich die Ereignisse derart zugespitzt, dass "Nathan der Weise" als das Stück der Stunde erscheint. Das Interesse daran ist enorm. Schon vor der Premiere waren die kommenden zehn Vorstellungen ausverkauft. Und es lohnt sich tatsächlich, sich unter Stückls sensibler, respektvoll kluger Anleitung in Lessings aufgeklärte Gedankenwelt zu begeben. Und traurig zu merken: Wir waren schon mal viel weiter.

Stückl und sein hoch motiviertes multikulturelles Ensemble stellen sich mit Hirn und Herz in den Dienst des Stückes, da gibt es keine Moden und Mätzchen, keine krampfhaften Gags oder Zwangsaktualisierungen. Gezeigt, gespielt, intensiv durchdacht wird: der Text - der Text in seinem hoffnungsvollen Wünschen und Wollen, seinem kultivierten Reden und Überzeugen. Das Stück spielt im Jerusalem der Kreuzzüge. Dass Krieg herrscht, deuten eingangs flackernde Videobilder aus einem alten "Nathan"-Film an, ein Hauen und Stechen. Mit den Kostümen wiederum dockt die Inszenierung an die Gegenwart an. Die Szenerie ist karg, kaum Requisiten.

August Zirner sieht als Nathan wie Steven Spielberg aus

Stefan Hageneiers gewellter Bühnenboden erzeugt Weite, lässt an Wüste und Dünen denken. Subtil auch der Musikeinsatz von Tom Wörndl, da mischen sich Muezzin-Gesänge und Kirchenglocken. Der formidable August Zirner sieht als Nathan wie Steven Spielberg aus, trägt Blouson und Alltagshosen wie ein Regisseur am Set. Graues Wuschelhaar, Bart, Intellektuellenbrille - das ist kein "Weiser", kein Besserwisser, eher ein Skeptiker, ein Realist. Einer, der durch den Wind gegangen ist. Manchmal steht er da und schaut, als stünde er neben sich. Der denkt viel, dieser Mann. Aber das Denken macht ihn nicht bitter, nicht schwer, sondern leichtfüßig, federnd. Ein tänzelnder Nathan. Einer, der das Leben liebt. Trotz allem.

Vor allem liebt er seine Tochter Recha (Constanze Wächter), die gar nicht seine leibliche Tochter ist, sondern ein Christenmädchen. Nathan hat sie aufgezogen, obwohl die Christen seine Familie ausgelöscht haben. Statt Rachedurst eine gute Tat, die weiter wirkt und Kreise zieht - Lessings Ideal. Diesem entspricht auch der Tempelherr, der Recha, die vermeintliche Jüdin, aus dem Feuer gerettet hat. Ausgerechnet er, ein Ultra-Christ und Antisemit! Anfangs hadert er damit, will nicht wahrhaben, dass er das Mädchen liebt, gibt sich zackig, patzig, burschikos. Und wechselt dann doch auf die Seite der Liebe und Vernunft.

"Leckt mich doch alle am Arsch!"

Schön, wie Jakob Gessner das spielt, aufbrausend, zweifelnd, hin- und hergerissen. Wenn sich am Ende die Geliebte als Schwester herausstellt, ruft er genervt: "Leckt mich doch alle am Arsch!" Saladin, bei Pascal Fligg ein sorgenvoller, nachdenklicher Mensch von Kultur, fehlt es an Geld und an Wahrheit. Eine Wohltat, wie gepflegt er und Nathan miteinander umgehen.

Aber es gibt auch die "Fanatiker", wie Saladin sie nennt, die "Extremisten, die er "nicht mit allen Christen über einen Kamm scheren" will, das wäre "unpolitisch, kurzsichtig, stupid". Der Patriarch von Jerusalem ist so einer (Thomas Kylau hat einen grandiosen Auftritt als Schreckgespenst). Aber auch Saladins Bruder Memlek, der hier die Figur der Sittah ersetzt, ist ein Hardliner. Sohel Altan G. spielt ihn mit blitzender Schärfe als einen wirklich gefährlichen Mann. Seine Schergen schauen wie Dschihadisten aus. Ihm gehört das letzte Wort. "Na, Nathan", spottet er leise, "willst du der Welt nicht noch ein Märchen erzählen?" Dann geht er lachend ab. Zurück bleibt Nathan, alleine.

Im Hintergrund flackert schon wieder: Krieg.