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Nastassja Martins Buch "An das Wilde glauben":Wiedergeburt zwischen den Welten

Nastassja Martin, Autorin

"Die Moderne ist sehr gut darin, das Anderssein aufzunehmen, um sich selbst zu reproduzieren, statt sich zu verändern, um anders zu denken." - Nastassja Martin.

(Foto: Caroline Chévalier)

Die französische Anthropologin Nastassja Martin wurde in der sibirischen Wildnis von einem Bären schwer verletzt. Ihr Buch über den Angriff und seine Folgen ist eine beeindruckende Studie zum Verhältnis von Mensch und Natur.

Von Christiane Lutz

Eine Frau begegnet einem Bären, und ein Bär begegnet einer Frau. Ihre Wege steuern lang schon aufeinander zu. Dann der Aufprall, der Bär und die Frau verkeilen sich, seine Zähne graben sich tief in ihren Kiefer, in ihren Kopf. Sie rammt ihm einen Eispickel in die Flanke, er stürmt davon. Sie blutet, ist schwer verletzt, doch sie überlebt. Ein Wunder, sagen die Ärzte. "Es ist eine Geburt, da es ganz offensichtlich kein Tod ist", schreibt Nastassja Martin.

Sie schreibt diesen Satz gleich auf der ersten Seite von "An das Wilde glauben". Martin ist es selbst, die mit dem Bären kollidiert, im Sommer 2015 im vulkanischen Hochgebirge Kamtschatkas, am äußersten Ende Russlands.

Andere würden von einem "Angriff" sprechen, oder einem "Unglück". Für Martin ist es ihre Geburt als Miedka, was in der Sprache der Ewenen, jenes sibirischen Volkes, dessen Lebensweise sie erforscht, so viel bedeutet wie "die zwischen den Welten lebt". Martin, 35, ist eine französische Anthropologin, sie beschreibt sich als Getriebene, als Mensch ohne inneren Frieden. In Alaska lebte sie schon bei den indigenen Gwich'in, über die sie den viel beachteten Essay "Les âmes sauvages" verfasste.

Die Begegnung mit dem Bären macht die Beobachterin Martin selbst zu einer Beobachteten. Zum medizinischen Wunder, um das sich faszinierte Ärzte scharen. Aus Wissenschaft wird eine körperliche Erfahrung. "Das Ereignis ist: Ein Bär und eine Frau begegnen sich und die Grenzen zwischen den Welten implodieren", schreibt sie. Das Buch ist der Versuch, diese Implosion zu deuten. Ihr persönlicher Kampf, Wissenschaft und krasse Erfahrung in Einklang zu bringen.

Das Auftanken ausgelaugter Städter in der Natur, all der modische Achtsamkeits-Kitsch ist ihr fremd

Sie traut sich, dafür jene Glaubenssätze anzunehmen, die sie bisher vor allem erforscht hat. Etwa die Idee einer unzerstörbaren Verbindung des menschlichen mit allem kreatürlichen Leben, an die die Ewenen glauben. Und den Animismus, also die Annahme, dass jedem Lebewesen eine Art Seele innewohnt. Sie willigt in die Möglichkeit ein, dass das so sein könnte, dass der Bär auch ein Teil ihrer selbst, so wie sie ein Teil von ihm ist: "Da war dieses unbegreifliche Wir, ein Wir, von dem ich dunkel ahne, dass es von weither kommt, aus einer Vergangenheit, die weit hinter unsere begrenzte Existenz zurückreicht (...). Warum haben wir einander ausgewählt?"

Für die Ewenen ist die Begegnung vorbestimmt gewesen, niemand ist überrascht. Martin nimmt auch dieses Narrativ an: "Ich sage mir, dass ich auf der Hochebene wohl uneingestanden auf der Suche war nach demjenigen, der endlich die Kriegerin in mir offenbaren würde." Wochen vor dem Kampf schon träumt sie von ihm, nennt ihn "meinen Bären", beschreibt seinen Biss als Kuss. Es ist eine Hassliebe, sie will ihn loswerden und kann es doch nicht: "Mein Körper ist zu einem Knotenpunkt geworden. (...) . Abschließen bedeutet akzeptieren, dass alles, was in mir hinterlassen worden ist, nunmehr dazugehört." Sobald das geflickte Gesicht geheilt ist, kehrt sie zurück an den Ort des Geschehens.

Nastassja Martin: An das Wilde glauben. Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2021. 140 Seiten, 18 Euro.

Mit dieser Haltung zu schreiben, kann leicht schiefgehen. Das Buch hätte mystischer Quatsch werden können. Und dann ist da auch noch die unleugbare Nähe zum Nature Writing: "An das Wilde glauben" erinnert hier und da an Helen Macdonalds "H wie Habicht", in der eine Frau einen Wildvogel zähmt. Nur: Anders als viele Nature Writer, die die Natur vor der Haustür neu entdecken, oder, was ja auch etwas albern ist, wie Charles Foster in "Being A Beast" in einer Dachshöhle hausen, ist Martin Wissenschaftlerin.

Das Auftanken ausgelaugter Städter in der Natur, der Kurztrip in die Wildnis, der seelische Heilung verspricht, all der modische Achtsamkeits-Kitsch ist ihr fremd. In einem Interview sagt sie: "Die Moderne ist sehr gut darin, das Anderssein aufzunehmen, um sich selbst zu reproduzieren, statt sich zu verändern, um anders zu denken." Mit indigenen Völkern wirklich zu leben ist eine Entscheidung, die weit über ein Experiment hinausgeht. Der Wunsch zu schreiben kommt danach. Hier spricht also keine mit der Welt hadernde Autorin, sondern eine mit dem Leben hadernde Wissenschaftlerin. Das macht sie zu einer uneitlen und kitschfreien Schriftstellerin.

"Ich bin Anthropologin", schreibt sie an einer Stelle, "ich bin nicht fasziniert, ich verliere mich nicht in meinem Feld, ich bleibe ich". Das gelingt ihr natürlich nicht ganz. Sie ist eingenommen für ihr Forschungsobjekt, die Ewenen. Die Jägerin Darja und deren Sohn Iwan bezeichnet sie als Familie, sie sind auch die ersten, die, auf dem einzigen Baum mit Handyempfang sitzend, von Martins Kampf mit dem Bären erfahren. Diese Nähe ist das einzige, was man zwar nicht der Autorin, aber der Wissenschaftlerin vorwerfen kann. Aber vielleicht ist absolute Distanz hier sowieso nur Illusion, schließlich muss, wer monatelang mit Fremden in Jurten herumsitzt, einen neugierigen, wenn nicht zugewandten Blick auf diese Fremden bewahren.

Die gerade mal 140 Seiten dieses Buchs schlagen mit der Wucht eines scharf geworfenen Steins ein

"An das Wilde glauben" ist ein fulminanter Text. Die gerade mal 140 Seiten schlagen mit der Wucht eines scharf geworfenen Steins ein. Martins Sprache ist nüchtern und poetisch, die Gedanken schnörkellos ausgeführt. Sie wechselt von der persönlichen Erlebnisebene zur skizzenhaften Beschreibung der sibirischen Wälder und Weiten, zur anthropologischen Betrachtung, die sie damit verknüpft. "Es ist kein Gedanke, den ich aussprechen möchte; ich will ihn lieber aufschreiben. Ich sitze heute am Flussufer im nassen Schnee und schreibe, dass es ein implizites, stillschweigendes Gesetz gibt. Ein Gesetz, das den Raubtieren eigen ist, die sich in der Tiefe der Wälder oder auf den Bergrücken der Erde suchen und meiden (...): Wenn sie sich finden, wenn sie aufeinandertreffen, dann implodieren ihre Territorien, kehren ihre Welten sich um, verändern sich ihre gewohnten Bahnen und sie sind fortan unauflöslich verbunden."

Ihre eigene dramatische Krankheitsgeschichte schildert sie ohne Selbstmitleid. Sie beschreibt die alte Frau, die im russischen Krankenhaus geduldig ihr Gesicht flickt oder das Gefühl totaler Gottverlassenheit. In Frankreich trauen die Ärzte den russischen Operateuren nicht, brechen Wunden wieder auf, setzen französische Teile ein, wo erst russische waren. Martin fühlt sich als Schauplatz eines medizinisch-politischen Machtkampfes, fast ist sie amüsiert vom Versuch der Ärzte, "mit Städterinnenhänden Lösungen für Raubtierprobleme" zu finden. Als sie zum ersten Mal die Verbände von ihrem rasierten Schädel wickelt, bricht sie in Tränen aus.

Und doch spielt die Tatsache, dass hier eine Frau buchstäblich ihr Gesicht verliert, eine erstaunlich untergeordnete Rolle. Martin, auch hier uneitel, wechselt früh auf die Deutungsebene. Am Ende des Buches gibt es allerdings keine große, erlösende Erkenntnis. Sie lässt eher an ihrer Suche teilhaben. Das Leben in der Natur verklärt sie dabei nicht, etwa wenn sie über die brutale Rentierschlachtung der Ewenen schreibt: "Iwan tötet, schlitzt auf, nimmt aus, zerlegt, stapelt, verfrachtet von hier nach da (...) er ist nur noch Todesmacht." Die Bärenbegegnung bringt sie der Natur nicht nur näher, sie betont auch das Trennende. Diesen Widerspruch gilt es auszuhalten. So fasziniert Martin vom Animismus ist, von der Idee der vorbestimmten Begegnung, sie kehrt zurück nach Frankreich, um zu schreiben. Dem Bären hat sie verziehen.

© SZ/crab
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