Naomi Kleins Buch "How to Change Everything":Lakonische Aufklärung

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Canadian author social activist and journalist Naomi Klein poses for the photographer during the p

Eine Sprache für die Katastrophe: Naomi Klein.

(Foto: Andreu Dalmau/Imago/Agencia EFE)

Die Globalisierungskritikerin Naomi Klein weiß, wie die Welt womöglich doch noch zu retten ist.

Von Josef Wirnshofer

Es gibt Bücher über die Klimakatastrophe, die bewerfen ihr Publikum mit Imperativen. Lass das Auto stehen. Mach den Kühlschrank zu. Wirf keine Aldi-Tüten weg. Geh nicht zu Aldi. Am Ende steht meistens etwas wie: Eigentlich ist es eh schon zu spät. Und dann gibt es die Bücher von Naomi Klein, die genau einen Fehler nicht machen: Sie verbreiten keine schlechte Laune.

Stattdessen setzt Klein, die als Globalisierungskritikerin mit dem Buch "No Logo!" vor ziemlich genau zwanzig Jahren weltberühmt wurde, an den Anfang ihres neuen Buches erst mal Staunen. Ein Australien-Trip mit ihrem vierjährigen Sohn, eine Reise in eine unbekannte Welt. Sie schnorcheln im Great Barrier Reef. Leuchtende Korallen, azurblaue Weite, "das aufregendste Naturschauspiel, das ich je erlebt hatte".

Dann aber tauchen Riff-Abschnitte auf, die aussehen wie Friedhöfe, die Korallen weiß wie Knochen. Wegen der hohen Wassertemperaturen kommt es zu Massenbleichen. Wird das Wasser noch wärmer, sterben die Korallen ab und verfaulen. 2016, vor fünf Jahren also, ist auf diese Weise ein Viertel des Great Barrier Reefs abgestorben. Ein Viertel.

Ein aufmunterndes Buch für alle, die für die Krise nichts können, sie aber ausbaden müssen

Und die Frage ist natürlich: Wäre es nicht für die Korallen, für die Fischer, für uns alle gut, wenn es nicht so weiterginge? Die kanadische Journalistin Naomi Klein weiß sehr genau, dass man Menschen für eine Sache begeistert, indem man ihnen Geschichten darüber erzählt. Sie wurde nicht zuletzt damit zur maßgebenden Chronistin des Klimawandels. Fand eine Sprache für die Katastrophe um uns, lange bevor Impulsreferate über autofreie Innenstädte zum politischen Standardrepertoire wurden.

Zusammen mit der Kinderbuchautorin Rebecca Stefoff hat Klein jetzt "How to Change Everything - Wie wir alles ändern können und die Zukunft retten" geschrieben. Eine klarsichtige, aufklärende Schrift darüber, wie es zum Klimawandel kommen konnte, wie er mit sozialer Benachteiligung, Rassismus und der Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern zusammenhängt - und vor allem darüber, was die Menschen dagegen tun können. Sie richtet sich dabei vor allem an junge Leute. An die also, die für die Krise nichts können, sie aber ausbaden müssen.

Naomi Kleins Buch "How to Change Everything": Naomi Klein, Rebecca Stefoff: How to Change Everything. Wie wir alles ändern können und die Zukunft retten. 256 Seiten. Hoffmann und Campe. 18 Euro.

Naomi Klein, Rebecca Stefoff: How to Change Everything. Wie wir alles ändern können und die Zukunft retten. 256 Seiten. Hoffmann und Campe. 18 Euro.

Es sind immer schon die großen Linien, an denen entlang Naomi Klein erzählt. Bei "This Changes Everything" von 2014 zeigte sie zum Beispiel, wie der Kapitalismus die Erderwärmung befeuert. Diesmal setzt sie beim New Deal an, den Reformen, die Franklin D. Roosevelt von 1933 an erlassen hatte, nachdem der Wirtschaftscrash die USA getroffen hatte. Ein Land, das waidwund daliegt und sich an Armenspeisungen und der Einführung von Sozialversicherungen wieder berappelt - für Klein nur eines von vielen Beispielen, dass sich die Dinge ändern lassen, wenn man es will. Dass sich ein Green New Deal, eine klare Strategie zum Schutz der Umwelt, realisieren ließe, wenn die Politik entschlossener handeln würde. Hat nicht Corona gerade eben gezeigt, dass sich zum Beispiel das Reiseverhalten der Leute beeinflussen lässt, ohne dass einem der ganze Laden um die Ohren fliegt?

Kleins Hoffnung sind die "Fridays for Future"-Demos. Junge Menschen, die seit mehr als drei Jahren jede Woche zeigen, dass sie verstanden haben, wovor sehr viele ältere immer noch die Augen verschließen. Den Jungen rät sie, Klimaexperten in die Schulen zu zerren, damit irgendwann auch die ignorantesten Lehrer verstehen, dass es ernst wird. Sie erzählt von Jura-Studentinnen, die seit zwei Jahren Klimaklagen einreichen, Prozesse führen. Von Aktivisten, die in ihren Vierteln Aktionsgruppen gründen.

Sie erzählt diese Geschichten - die natürlich inspirieren sollen und deshalb manchmal auch etwas pathetisch sind - allerdings auffällig lakonisch, ohne Weltuntergangssoße über den Sätzen. Weil die Bilder ja sowieso alle vor Augen haben, die Flut in Deutschland, die Waldbrände in Australien, den Permafrost in Russland. Und weil es eines eben noch nicht ist: zu spät.

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