Nahostkonflikt "Israel sollte die Stadt vollumfassend annektieren"

Blick über Jerusalem mit der Altstadt und dem Felsendom im Zentrum

(Foto: imago/UPI Photo)

Der palästinensische Künstler Ali Qleibo lebt in Jerusalem als Bürger zweiter Klasse, wenn auch mit mehr Wohlstand als früher. Ein Gespräch über Lebenslügen - unter Palästinensern und Israelis.

Interview von Moritz Baumstieger

Ein Federstrich - und ein ganzes Volk verliert die Hoffnung auf einen eigenen Staat: Das ist die Konsequenz aus der Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels durch US-Präsident Donald Trump. Der palästinensische Künstler und Schriftsteller Ali Qleibo lebt und unterrichtet im Ostteil der Stadt. Im Interview entlarvt er Selbstbetrug und Lebenslügen - bei Israelis und Palästinensern.

SZ: Wie würden Sie Jerusalem malen?

Ali Qleibo: Die Heilige Stadt verändert sich nicht. Der goldene Felsendom und die Kuppel der Grabeskirche, die Glockentürme, Minarette im christlichen und muslimischen Viertel zeugen vom arabischen Charakter von Al-Quds. Das Bild der Erhabenheit bleibt, nur der Diskurs über die neuen Tatsachen am Boden hat sich verändert.

Was genau ist geschehen?

Die Israelis verweigern sich der Realität. Sie leugnen die palästinensische Rolle in dieser Stadt, sie erkennen unser tief verwurzeltes kulturelles Erbe nicht an. Durch die Besatzung hat sich Israel den Boden, die Flora und die Fauna angeeignet und auch das arabische christlich-muslimische Erbe. Die indigenen Einwohner wurden zu gerade noch geduldeten Fremden. Und diese Verleugnung hat nun der mächtigste internationale Spieler offiziell übernommen, der amerikanische Präsident.

Ali Qleibo, geboren 1953 in Jerusalem, ist Anthropologe, Künstler und Schriftsteller sowie Dozent an der Al-Quds-Universität. Auf Deutsch ist von ihm erschienen: "Wenn die Berge verschwinden" (Palmyra-Verlag).

(Foto: oh)

Würden Sie Jerusalem also in düsteren Farben zeichnen?

Nein. Ich stamme aus einer Patrizierfamilie, deren Geschichte hier seit dem siebten Jahrhundert verbürgt ist. Meine Vision dieser Stadt lasse ich nicht durch politische Widerwärtigkeiten beeinflussen.

Nach Trumps Entscheidung war ein Aufstand angekündigt. Doch es blieb vergleichsweise ruhig. Warum?

Für meine Generation war diese Entwicklung keine Überraschung. Seit PLO-Chef Jassir Arafat von den Verhandlungen mit Israel in Oslo heimgekehrt war, wussten wir, dass dies passieren würde - er hatte in der Jerusalem-Frage nichts erreicht. Trumps Amtsvorgänger haben die längst getroffene Jerusalem-Entscheidung mit Dekreten aufgeschoben. Jeder Palästinenser, der es wissen wollte, wusste das.

Sie unterrichten an der Al-Quds-Universität im Ostteil der Stadt. Ist die Jugend dort ebenso fatalistisch?

Wir meiden das Thema. Wenn wir palästinensischen Einwohner ehrlich darüber sprechen würden, müssten wir zugeben, wie sehr uns 50 Jahre Besatzung verändert haben. Wir streben nach BMWs und Grundbesitz. Ray-Ban-Brillen und Ralph-Lauren-Shirts sind für manche ein Lebensinhalt. Wir haben in Jerusalem zwar keinen definierten Status als Bürger, aber israelische Dokumente, die uns Reisen in die Türkei oder nach Mekka erlauben. Viele Familien haben in drei Generationen den Sprung aus der Armut in die Mittelklasse geschafft. Fast keiner würde all das für das nationalistische Ideal Palästinas aufgeben wollen. Wir leben in einer Realitätsverweigerung, genau wie die Israelis.

Also ist die Forderung nach Jerusalem als Hauptstadt Palästinas nur Folklore?

Völkerrechtlich ist und bleibt Jerusalem eine besetzte Stadt. Gleichzeitig würde ich aber sogar in den palästinensischen Medien zensiert, wenn ich als Anthropologe die Realität beschreibe: Jerusalem als prosperierende, multikulturelle Stadt, in der sich der individualistische Konsum-Lifestyle durchgesetzt hat.