"Der Geist von Tiger Bay":Sie nannten ihn Geist

Waterfall

"Du darfst keine Schwäche zeigen, sonst sind deine Tage gezählt." - Die Cardiff Docks 1935.

(Foto: Richards/Getty Images)

Der somalische Seemann Mahmoud Mattan war 1952 der letzte Mensch, der in Cardiff gehängt wurde. Unschuldig. Nadifa Mohamed hat aus seiner Geschichte einen raffinierten Roman gemacht.

Von Sigrid Löffler

Die Geschichte lässt sich faktisch in einem Satz zusammenfassen: Am 3. September 1952 wurde Mahmood Mattan, ein arbeitsloser junger Seemann aus Somalia, in Cardiff hingerichtet, für einen Mord, den er nicht begangen hatte. Er wurde das Opfer fabrizierter Beweise und schludriger Ermittlungsarbeit rassistischer Polizisten, Opfer der Falschaussagen von Belastungszeugen und der Voreingenommenheit von weißen Richtern und Geschworenen gegenüber einem schwarzen Zuwanderer, der nur schlecht Englisch und kaum lesen und schreiben konnte. Vor allem wurde Mattan Opfer seines eigenen naiven Glaubens an die berühmte Fairness des britischen Justizsystems, das, so nahm er an, seine Unschuld in diesem Falle schon erkennen würde.

Na gut: Mattan war ein Herumtreiber, Gelegenheitsjobber und kleiner Dieb, ein Glücksspieler, den seine walisische Ehefrau rausgeschmissen hatte, der in Wettbüros, bei Pferderennen und in illegalen Pokerklubs herumlungerte, im Kaufhaus einen Teddy für den jüngsten seiner drei Söhne mitgehen ließ, in der Moschee das Almosengeld klaute und seinem jamaikanischen Zimmerwirt schon mal wochenlang die Miete schuldig blieb - aber er war kein Mörder. Wer auch immer der jüdischen Ladenbesitzerin Lily Volpert (die im Roman auf Wunsch der Angehörigen den Namen Violet Volacki trägt) die Kehle durchgeschnitten und 100 Pfund gestohlen haben mochte - Mahmood Mattan war es nicht.

Die Autorin will die Grenze zwischen Fakten und Fiktion zum Verschwinden bringen

Die Autorin Nadifa Mohamed, die wie ihr Anti-Held aus Hargeisa im ehemals britischen Protektorat Somaliland stammt und 1986, im Alter von fünf Jahren, mit ihren Eltern vor dem drohenden Bürgerkrieg ins Exil nach England floh, bleibt auch mit ihrem dritten Roman in Thema und Machart bei ihrem Metier - der semi-biografischen Lebenserzählung mit somalischen Protagonisten, auf Basis von Recherchen, Archivarbeit und journalistischen Interviews. Ihr literarisches Ziel: Die Grenze zwischen Fakten und Fiktion zum Verschwinden zu bringen.

Ihr vielbeachteter Debütroman "Black Mamba Boy" (2010) beruhte auf Tonband-Mitschnitten der Kindheitsgeschichte ihres Vaters und erzählte dessen Odyssee durch Afrika zur Zeit von Mussolinis Abessinien-Feldzug; im zweiten Roman "Der Garten der verlorenen Seelen" (2014) stützte sich Mohamed vor allem auf die Erzählungen ihrer Mutter über die Aufstände und blutigen Clan-Fehden in Somalia während der Diktatur des Putsch-Generals Siad Barre. In "Der Geist von Tiger Bay" lässt die Autorin den Häftling Mattan in seinen Kindheits- und Jugenderinnerungen zwar abermals die Gewaltgeschichte Somalias rekapitulieren, während er in der Todeszelle auf die Schlinge des Henkers wartet, aber der Schauplatz hat gewechselt. Nadifa Mohamed und ihr Protagonist sind nun in der somalischen Diaspora angekommen, unter den Flüchtlingen, Vertriebenen und Exil-Suchern aus ihrem Geburtsland, die im heruntergekommenen Ausländerquartier der Docks von Cardiff untergeschlüpft sind.

In Tiger Bay fanden viele verfolgte Juden aus Europa Zuflucht

Dort, in Butetown, von den Bewohnern Tiger Bay genannt, dem kulturell diversesten und ärmsten Viertel der walisischen Hauptstadt mit seinen verlotterten Reihenhäusern, elenden Seemannsunterkünften, Billigläden, Pfandleihen und Milch-Bars, haust "die Arbeiterarmee, die aus aller Welt rekrutiert wurde, um die Tausenden im Krieg gefallenen Seeleute und Hafenarbeiter zu ersetzen". Mit Akribie, Freude am anschaulichen Detail und an der Entwicklung eines vielgestaltigen Figuren-Biotops breitet Nadifa Mohamed die graue Armseligkeit im erschöpften und ausgepowerten Nachkriegs-England aus. In Tiger Bay haben verfolgte Juden aus Europa Zuflucht gefunden und sich eine wackelige Existenz geschaffen, und jetzt kommen Migranten aus allen Ecken des britischen Kolonialreichs, aus der Karibik, aus Afrika und vom indischen Subkontinent hinzu - "Treibgut, das nirgendwo hingehört". Nach Meinung der Einheimischen: "Die Schwarzen nehmen uns die Arbeit und die Frauen weg."

All diese fremden armen Schlucker mit ihren unterschiedlichen Herkünften und kontrastierenden Kulturen und Religionen tummeln, drängen, reiben und streiten sich im Hafenviertel auf engem Raum und kämpfen ums Überleben. Oberstes Gebot: "Du darfst keine Schwäche zeigen, sonst sind deine Tage gezählt." Ab und an prügelt die Polizei einen randalierenden Somalier zu Tode, und an Rugbyspieltagen schlagen betrunkene Waliser gern mal im Vorbeigehen einen Schwarzen nieder. Deshalb hat Mahmoud Mattan gelernt, unauffällig zu sein. Er führt keine lauten Reden, er bewegt sich vorsichtig und drängt sich nie vor, er hat "perfektioniert, sich unsichtbar zu machen". Er ist eine schweigsame Präsenz immer am Rande des Blickfelds, die Leute nennen ihn "den Geist".

Nadifa Mohamed verwendet viel Sorgfalt darauf, den Geist von Tiger Bay im seinen unterschiedlichen Lebensrollen vorzuführen - den rastlosen Weltwanderer und Luftwurzler, den mutigen Picaro, den gestählten Seemann und den kleinen Gauner. Immer auf der Suche nach einem Platz für sich stolpert Mattan durch eine ungastliche Welt - und keine ist ungastlicher als England. Dort wird er als widerborstiger Tunichtgut und mürrischer Störenfried mit falscher Hautfarbe wahrgenommen, doch die Autorin zeigt uns auch den Spieler, den Träumer, den liebevollen Familienvater, dessen walisische Ehefrau zwischendurch vor den Aggressionen kapituliert, die ein solches ethnisch gemischtes Paar auf sich zieht. Erst dem Häftling in der Todeszelle steht sie wieder loyal zur Seite. Um des narrativen Gleichgewichts willen stattet Nadifa Mohamed auch das Mordopfer, die altjüngferliche Ladenbesitzerin Violet, mit einer Familiengeschichte und mit Geschwistern aus, alle dem Holocaust in Polen entkommen.

"Der Geist von Tiger Bay": Nadifa Mohamed: Der Geist von Tiger Bay. Roman. Aus dem Englischen von Susann Urban. C. H. Beck, München 2021. 368 Seiten, 24 Euro.

Nadifa Mohamed: Der Geist von Tiger Bay. Roman. Aus dem Englischen von Susann Urban. C. H. Beck, München 2021. 368 Seiten, 24 Euro.

Nachdem der Roman auf den ersten hundert Seiten im Detailausmalungsmodus etwas herumtrödelt und auf der Stelle tritt, nimmt er nach Mattans Verhaftung an Fahrt auf. Spätestens im Laufe seines Prozesses, als der Staatsanwalt lauter falsche Zeugen mit ihren widersprüchlichen Lügengeschichten aufmarschieren lässt und keiner von Mattans Landsleuten ihm entlastend beispringt und den wahren Täter nennt, den sie alle kennen, verliert Mattan alles Vertrauen in die britische Justiz. Dass sein eigener Pflichtverteidiger ihn "halb Naturkind, halb zivilisierter Wilder" nennt, ist ihm bei den Geschworenen auch nicht eben hilfreich. Je hoffnungsloser Mattans Lage, desto berührender seine tastenden Versuche, einen spirituellen Sinn in seinem scheinbar verpfuschten Leben zu finden. Wie sich am Ende herausstellt, hätte Mattan mit einem einzigen rechtzeitig gesprochenen Satz sein Todesurteil abwenden können. Doch der Geist hat geschwiegen.

Mahmoud Mattan war der letzte Mensch, der in Cardiff gehängt wurde, und sein Todesurteil war ein furchtbarer Justizirrtum - der erste, der von einem britischen Gericht korrigiert wurde. 46 Jahre nach Mattans Hinrichtung wurde das Urteil aufgehoben. Zur Wiedergutmachung wurde der Familie Mattan eine Geldsumme zugesprochen. Der Mord an Lily Volpert ist bis heute nicht aufgeklärt.

© SZ/clu
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