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Nacktaktionen der Femen:Die Gegenwartskultur ist voll von pubertärem Gehabe

Er richtet sich gegen Passantinnen, die sich zu Hause mit viel Aufwand gekleidet und geschminkt haben, nur um sich nach zwei Schritten auf die Straße hinaus schon wieder nackt zu fühlen. Und er richtet sich gegen das männliche Publikum, das für dumpf verkauft wird und für blöd genug, sexuellen Erfolg für eine Frage des Konsums zu halten.

Diesem Bildervolk hemdloser Mädchen gesellen sich nun die Femenfrauen zu, und stärken damit jene Prinzipien, die sie bloßstellen wollen. Ihr Aufbegehren bleibt Selbstzweck; es ist ein Scheinwiderstand gegen das große Ganze, in das die Femenfrauen sich eingliedern, wie es alle anderen auch tun.

Triumphgefühl junger Mädchen

Damit ist diese Spaßguerilla Pop, ein Fall nicht für Politikwissenschaftler, sondern für die Kulturkritik. Ihre Geste mag sagen: Wir sind so stark, wir nehmen es mit jedem Kerl auf und mit jeder Kamera sowieso. Doch sie bleibt Behauptung, wie es auch in der Pubertät der Fall ist, wenn Jugendliche die Welt mit aller Kraft aus den Angeln hebeln wollen, aber nur sie selbst glauben, sie könnten es auch.

So gesehen haben die Aktionen einen Sinn: Die Aktivistinnen bringen die weibliche Pubertät ins gesellschaftliche Spiel und lassen, auch wenn sie längst erwachsen sind, das Triumphgefühl junger Mädchen aufleben, die gerade entdecken, was man mit einem ausgewachsenen Körper anstellen kann.

Meist kosten Männer den Rotzlöffel-Auftritt aus

Und warum auch nicht. Die Gegenwartskultur ist voll von pubertärem Gehabe, in der Musik, im Regietheater, der Kunst, im Film und in der Fankurve des Stadions sowieso. Nur sind es fast immer Männer, vom Studenten- bis zum Rentneralter, die den großen Rotzlöffel-Auftritt auskosten. Das funktioniert nur, solange jemand anderes vernünftig bleibt.

Wenn der Künstler Jonathan Meese die Hand zum Hitlergruß erhebt oder Größenwahnsinniges plappert, sitzt im Zweifelsfall seine Managerin Mama im Publikum. Und der Rapper Bushido bekam den Bambipreis für Integration von der Bunte-Chefin Patricia Riekel verliehen - die kurz darauf, nach Protesten, eine Homestory ins Blatt hob über Bushidos "sensible Seite", nämlich seine Liebe zu seiner deutschen Oma und Mama.