Nacktaktionen der Femen Ein Spiel mit Gesten der Macht

Warum? Weil sie wissen, wie man Geschichten aus dem Leben erzählt, während die Femen-Demonstrantinnen immer ein bisschen wie Kunstfiguren aussehen mit ihren Blumen im Haar und den bemalten Taillen. Die alte Annahme, ein Foto wirke per se realistisch, ein Bericht nicht, kehrt sich ins Gegenteil.

Bei #aufschrei ging es zumindest am Anfang um eine neue Art des Gesprächs, zwischen Männern und Frauen, Frauen und Frauen, Männern und Männern. Die Femen-Frauen dagegen reden nicht lange, schon gar nicht mit den Kopftuchträgerinnen von der Gegenaktion #MuslimahPride, die sich nicht von oben herab als willige Sklavinnen bezeichnen lassen möchten. Ohne jedes Mandat muslimischer Frauen ziehen die selbsternannten Amazonen bis in deren Heimatländer. Das ist wagemutig angesichts möglicher Konsequenzen. Mutig im Sinne von solidarischer Zivilcourage ist es nicht.

Mehr Information als gewünscht

Aber vielleicht geht es gar nicht darum, ernsthaft etwas zu verändern, den Menschenhandel einzudämmen, aus Russland eine Demokratie zu machen, Freier zu bestrafen, öde-perfektionistische Körperideale zu korrigieren oder Zwangsehen zu stoppen.

Vielleicht sind die Femen-Aktionen vielmehr das, was es scheint: ein Spiel mit Gesten der Macht. Exhibitionismus lebt davon, dass ein Publikum nicht gefragt wird, ob es soviel Information auch wünscht. Putin startete keine Umfrage bei internationalen Medienkonsumentinnen, bevor er beim Angeln für die Kamera seine Brust bis auf das Kreuzkettchen entblößte.

Brüste als Attacke

Keiner der nächtlichen Straßenrandpinkler in deutschen Städten holt die Erlaubnis von Spaziergängerinnen ein; die modebewussten Jungs, die eine Zeitlang zu tief hängende Hosen trugen, taten das schon gar nicht. Und im Gegensatz zum hochgezogenen T-Shirt vor den Augen des Liebhabers ist eine in der Öffentlichkeit ohne Vorwarnung entblößte Brust: eine Attacke.

Sie gehört zu jenen Attacken, die nicht an den Grundfesten sozialer Verhältnisse rütteln, sondern lediglich mit dem Protest als Ausdrucksform spielen. Denn Femen liefert Medien und Konsumenten genau jene Bilder, die sie gewohnt sind, toll und normal zu finden. So normal, dass kaum noch jemand den doppelten Übergriff bemerkt, den der übliche Ausverkauf des weiblichen Körpers auf jeder zweiten Plakatwand bedeutet.