Süddeutsche Zeitung

Nachruf:Zum Tod von Hermann Heidegger

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Umstrittener Nachlass und sein Verwalter: Hermann Heidegger hielt seinem Vater, dem Philosophen Martin Heidegger, die Treue, ermöglichte aber auch Forschern Zugang zu seinem Werk.

Von Thomas Meyer

Dass über das Werk Martin Heideggers so leidenschaftlich gestritten werden kann, ist das Verdienst Hermann Heideggers. Kurz nachdem er am 20. August 1920 geboren wurde, adoptierte ihn der Philosoph, sein leiblicher Vater war der Arzt Friedrich Caesar.

Gemeinsam fuhr die Familie 1936 nach Rom, weil Martin Heidegger eine Einladung erhalten hatte. Dort traf man etwa auf den emigrierten Schüler Karl Löwith. Hermann Heidegger erzählte später, wie sehr sich sein Vater aufregte, wenn er in der Uniform des "Jungvolkes" herumlief. Der junge Offizier galt am Ende des Zweiten Weltkrieges, ebenso wie sein Bruder Jörg (1919-2019), lange Zeit als vermisst. Bei dem Freiburger Historiker Gerhard Ritter wurde Hermann Heidegger dann 1953 promoviert und machte im Stab Innere Führung der jungen Bundeswehr Karriere.

Als Martin Heidegger Ende der Sechzigerjahre von seinem Verleger Klostermann und Schülern zu einer Gesamtausgabe gedrängt wurde, setzte er Hermann als Verwalter ein. Unerbittlich setzte der die alles andere als klaren Angaben zur Edition seines Vaters um. So erschienen nahezu 100 Bände, kaum einer ohne die genaueste Prüfung des Sohnes.

Die unbedingte Treue zum Vater, die bis hin zur Feindschaft reichende Wut gegenüber jenen, die Heidegger als Naziphilosophen angriffen und die gelegentlich allzu sorglose Auswahl von Freunden und Gesprächspartnern, ließen ihn als verstockten und erstarrten Hüter von Martin Heidegger Seinsdenken erscheinen. Hermann Heidegger war viel zu klug, um nur dies zu sein. Trotz aller Fehler in der Nachlasspolitik erlaubte er allen Forschern die publizierten Manuskripte in Marbach einzusehen. Nun wäre es klug, wenn sich die Familie weiter öffnen würde. Hermann Heidegger hat seine ihm gestellte Aufgabe erfüllt. Wie erst jetzt bekannt wurde, verstarb er bereits am 13. Januar 2020.

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Quelle:
SZ vom 22.01.2020
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