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Nachruf:Zum Tod von D. A. Pennebaker

Dokumentarfilmer D.A. Pennebaker gestorben

Der Dokumentarfilmer Donn Alan Pennebaker, geboren am 15. Juli 1925, gestorben am 1. August 2019.

(Foto: dpa)

Bob Dylan, Jimi Hendrix, John F. Kennedy, Franz Josef Strauß: Er hat sie gesehen, die Bilder der Kulturrevolution der Sechziger bewahrt, den Politiker als Popstar miterfunden. Ein großer Dokumentarfilmer ist gestorben.

War er so arglos? 1965 ließ sich Franz Josef Strauß, frisch gefeuerter Verteidigungsminister, von einem unbekannten amerikanischen Dokumentarfilmer begleiten. Zu sehen war ein gedemütigter Berufspolitiker, der sich zu Unrecht in seinem Ehrgeiz beschnitten fühlt, ein gnadenloser Populist, der seine Heerscharen für seine Rückkehr nach Bonn mustert. Wild zoomt die Kamera ins Publikum, schaukelt über Tische und in die Gesichter, aber das ist kein Dokumentarfilm, sondern hier macht jemand Politik, in diesem Fall gegen Strauß. Er sei entschlossen gewesen, Strauß sympathisch zu finden, behauptete D. A. Pennebaker später, doch es wollte ihm nicht recht gelingen. "Aber die schlechten Bilder nehmen Sie raus?", fragt Strauß seinen Begleiter im Film, aber natürlich benutzt sie Pennebaker, er braucht sie genauso wie die feierlichen. Der Blick der wilden Kamera war so direkt, dass Szenen aus dem Kurzfilm "Hier Strauss" fünfzehn Jahre später eine prominente Rolle in dem deutschen Gemeinschaftsprojekt "Der Kandidat" von Alexander Kluge, Volker Schlöndorff, Stefan Aust und Alexander von Eschwege spielen, mit dem ein Sieg von Strauß bei der Bundestagswahl 1980 verhindert wurde.

Denn Donn Alan Pennebaker wollte nie Dokumentarist, sondern immer Regisseur, immer Herr der Lage sein, obwohl er sich gern als schlichter Auftragnehmer ausgab. Er drehte Musikvideos mit David Bowie und Depeche Mode, begleitete John Lennon und Marius Müller-Westernhagen, und wurde berühmt, weil er auf Wunsch seines Managers Albert Grossman Bob Dylan auf der England-Tournee 1965 beobachten durfte. Der Film "Dont Look Back" offenbarte nicht nur die ekelhafte Weise, in der Dylan Joan Baez und Donovan abservierte, sondern Pennebaker zeigte seinen Star, wie er vor der Kamera übergroße Sprechkarten mit den verkürzten Versen von "Subterranean Homesick Blues" abreißt, während dieses Wahnsinnslied eingespielt wird. Im Hintergrund ist in Demutshaltung der Dichter Allen Ginsberg zu sehen, aber der Mann des Wortes hat gegen den Dichter völlig neuen Typs, den vollelektrifizierten Songpoeten Bob Dylan, nichts mehr zu melden. Look out, kid!

Mit Albert Maysles hatte Pennebaker bei den amerikanischen Vorwahlen von 1960 die Kandidaten Hubert Humphrey und John F. Kennedy begleitet und mitgeholfen, das Image des modernen Politikers als Popstar zu kreieren. Der bullige Humphrey hatte keine Chance gegen den jugendlichen Kennedy, der Charisma bereits ausstrahlte, wenn nur sein Hinterkopf zu sehen war. Mit der gleichen Methode dokumentierte Pennebaker 1992 einen Epigonen Kennedys, nämlich Bill Clinton, den Gouverneur aus dem metropolenfernen Arkansas.

Ein Pop-Gott war geboren und erschaffen hatte ihn dieser einzigartige Filmkünstler

So ikonisch, so einzigartig waren die Bilder, die Pennebaker durch seine Nähe gelangen, dass sie noch Jahrzehnte später Verwendung faden. Nicht nur seine Strauß-Szenen tauchten in einem neuen Zusammenhang wieder auf, sondern auch Material aus der legendären England-Tournee Dylans, das Martin Scorsese für "No Direction Home" (2005) nutzen konnte.

Dokumentarfilmer braucht in Hollywood keiner, auf Netflix werden sie geduldet, sonst sind sie nur für das kleine Publikum bei Arte vorgesehen. Doch ohne D. A. Pennebaker gäbe es von der Kulturrevolution der Sechziger, die sich im Wesentlichen in der Musik abspielte, sehr viel weniger Bilder. Das Monterey Pop Festival von 1967 war ganz und gar seins. Da spaziert sonnigsten Gemüts Brian Jones ohne Rolling Stones über das Gelände, Simon and Garfunkel haben ihren ersten großen Auftritt, Jefferson Airplane singen und machen so viel Krach, dass selbst Jean-Luc Godard hingerissen war, und dann kommt Jimi Hendrix, ein noch weitgehend unbekannter Schwarzer mit diesem gefährlichen Afro. Alle können sehen, dass er seine Gitarre nicht bloß spielt, sondern so sehr liebt, dass die konservativen Sender sich hinterher weigerten, den Film auszustrahlen. The Who waren wieder bereit, ihr gesamtes Equipment zu zerdeppern, aber Hendrix kam ihnen zuvor, spielte "Wild Thing" von den Troggs, adelte dieses Steinzeit-Stück zum nie gehörten Kunstwerk und steckte seine jaulende Gitarre in Brand. Ein Pop-Gott war geboren (wie zuvor Kennedy und später Clinton), und erschaffen hatte ihn niemand anderer als dieser einzigartige Filmkünstler, der angeblich nur Aufträge entgegennahm. Am vergangenen Donnerstag ist D. A. Pennebaker 94-jährig in Sag Harbor im Staat New York gestorben.