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Nachruf:Zum Tod der Malerin Christa Dichgans

Christa Dichgans, geboren 1940, war Malerin und Grafikerin. Erst in den letzten zwei Jahrzehnten wurde sie bekannter. Am Samstag ist sie in Berlin gestorben.

(Foto: Harald Fuhr)

Die Pop-Art-Künstlerin war mit ihrer poetischen Konsumkritik ihrer Zeit weit voraus. Nun ist sie im Alter von 78 Jahren gestorben.

Von Till Briegleb

Die Künstlerin Christa Dichgans war in vielen Aspekten ihrer Zeit weit voraus. Sie erhob Jahrzehnte vor Jeff Koons das Kinderspielzeug in den Rang eines konsumkritischen Objekts. Sie malte weit vor 9/11 Flugzeuge, die in das World Trade Center flogen. Sie beschäftigte sich bereits in den Siebzigerjahren mit Weltraumschrott und mit der Heuchelei des Kulturtourismus.

Mit ihrem symbolischen Realismus, durch den sie seit Anfang der Sechziger eine subtile Katastrophenstimmung beschwor, erlitt die Berliner Malerin trotzdem das Schicksal vieler Vorreiter. Den Erfolg heimsten die Nachfolger ein. Erst um die Jahrtausendwende wurde Christa Dichgans bei der Suche der Kuratoren nach weiblicher Pop Art wieder entdeckt; erst Anfang dieses Jahres erhielt diese Pionierin einer poetischen Konsumsatire ihre umfassende Lebenswürdigung mit der Retrospektive "Kein Stillleben" in der Kestnergesellschaft in Hannover.

Der Titel rührte daher, dass Christa Dichgans primär Stillleben malte, deren Kommentarwille zur Gegenwart sich aber höchst lebendig zeigte. Die Spielzeughandgranate war eines ihrer Leitmotive, um von der aggressiven Sozialisation im Kinderzimmer zu erzählen. Mit riesigen Implosionen aus Waren und Geld beschrieb sie das "Jüngste Gericht". Porträts von Menschen bestanden aus surrealen Kompositionen persönlicher Gegenstände vom Andenkenteller bis zum Kloreiniger. Und mit Blutwürsten auf Goldgrund charakterisierte sie eine Gesellschaft, die zwischen dem Erhabenen und Profanen nicht mehr unterscheiden kann.

Trotz ihrer düsteren Befunde blieb sie humorvoll und optimistisch. Leuchtende Farben, ironische Kompositionen und ein lebendiger Spott waren Ausdruck einer Lebenshaltung, die sich selbst nicht allzu wichtig nimmt. Am vergangenen Samstag ist diese Avantgardistin der Bescheidenheit nach langer Krankheit im Alter von 78 Jahren gestorben.

© SZ vom 19.07.2018

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