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Nachruf:Wolfgang Schuller ist gestorben

Althistoriker, Jurist, DDR-Kenner, Cold-War-Liberal: Wolfgang Schuller (1935-2020).

(Foto: Claus Schunk)

Der Althistoriker und DDR-Kenner Wolfgang Schuller war ein unermüdlich Schreibender. Er starb in Konstanz.

Wenn man Ende der Siebzigerjahre Wolfgang Schullers Büro in der Universität Konstanz betrat, fiel der Blick zuerst auf eine riesige Karte des geteilten Berlin. Dabei war er der Lehrstuhlinhaber für Alte Geschichte an der ambitionierten Neugründung. Schuller hatte sich zum athenischen Seereich habilitiert, im Unterricht spezialisierte er sich auf Sklaverei und Geschlechtergeschichte. Aber das war seine zweite Laufbahn. Seine erste hatte der 1935 geborene Berliner mit einer juristischen Dissertation zum politischen Strafrecht der DDR begonnen.

Jurist, Zeithistoriker, Althistoriker - das ist keine ganz ungewöhnliche Kombination. Schuller verband diese Fächer in der mit Leidenschaft und einem Schuss Selbstironie gepflegten Rolle des "Cold War Liberal", des Vorkämpfers der Freien Welt in der Auseinandersetzung mit dem sowjetisch-marxistischen Gegenüber. Einer seiner engsten Freunde war Melvin Lasky.

Kenner der DDR blieb er, und er nutzte seine althistorischen Forschungen zum Dialog mit orthodoxen und dissidentischen Kollegen aus allen osteuropäischen Ländern, die er, lange vor 1989, regelmäßig zu Vorträgen einlud.

Erscheinen und anschließendes vertrauliches Gespräch im universitären Bierkeller wurden Pflicht auch für Studierende. Die damals noch mehrheitlich linke Studentenschaft köderte er mit Spartakus-Seminaren, Quellenkritik inbegriffen.

Er schrieb über Cicero und Kleopatra und über seine eigenen Reisen

Dass Schuller 2009 eine originelle Geschichte der "Deutschen Revolution" von 1989 schrieb, die vor allem den Aufruhr in der Provinz, den Zusammenbruch der Legitimität in Hunderten Kleinstädten thematisierte, bewies die intime Vernetzung des leidenschaftlichen Sammlers von Flugblättern und Alltagsdokumenten mit der ostdeutschen Gesellschaft. Dass die deutsche Wiedervereinigung auf den 3. Oktober 1990, seinen 55. Geburtstag fiel, erfüllte ihn mit tiefer Befriedigung.

Wolfgang Schuller war ein unermüdlich Schreibender, nicht nur zahlreicher populärer Bücher, zu Cicero oder Kleopatra, sondern auch eines halböffentlichen Tagebuchs über seine Gespräche und Reisen. Man durfte ihm auch spöttisch kommen und diese herumgeschickten Blätter mit "2000, verweht" bezeichnen.

Am 4. April verstarb Wolfgang Schuller im Alter von 84 Jahren in Konstanz. Ob er wohl sein seit vielen Jahren betriebenes Projekt, sämtliche 922 Ausgaben von Karl Kraus' "Fackel" in chronologischer Folge durchzulesen, abschließen konnte?

© SZ vom 08.04.2020

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