Nachruf Wild und sanft wie ein Tiger

Der große russische Bariton Dmitri Hvorostovsky begeisterte seit Anfang der Neunzigerjahre die Opernwelt mit seiner warmen, volltönenden Stimme. Am Mittwoch erlag er einem Hirntumor.

Von Helmut Mauró

Große Trauer in Wien und weltweit. Am Mittwoch starb nahe London der große Opernbariton Dmitri Hvorostovsky. Für viele kam die Nachricht überraschend, denn er war erst 55 Jahre alt, und von seinem Gehirntumor wussten nicht alle. Er war nicht nur als Sänger geschätzt, sondern auch als warmherziger humorvoller Mensch unter den Kollegen sehr beliebt. An der Wiener Staatsoper hat man als Zeichen der Trauer die schwarze Flagge gehisst - eine Ehre, die nicht jedem zuteil wird. "Mit Wehmut", heißt es in einem Statement der Direktion, "erinnern wir uns an seine unvergesslichen Auftritte am Haus - als Jago, Posa, Eugen Onegin, Rigoletto, Simon Boccanegra." Was Hvorostovsky auszeichnete: Er hat viele weitere Rollen nicht nur brillant gesungen und mit seinem dunklen, warmen Bariton beseelt, sondern geradezu gelebt.

Zuletzt im November 2016 in der Rolle des Germont in Giuseppe Verdis "La Traviata". Er brachte ein letztes Mal alle Kraft auf, die ihm noch zur Verfügung stand - das Publikum war ganz verzaubert. Wie meistens, wenn er auf der Bühne erschien. Seine Präsenz war nicht die einer stilisierten Kunstfigur, bei seinen Opernrollen war immer auch der ganze Mensch beteiligt. Das spürte man vom Parkett bis in die oberen Ränge. Der Gesang, die Musik begeisterten ihn, und deshalb konnte er auch mit Musik begeistern. 1989 gewann er den legendären Wettbewerb "Singer of the World" im walisischen Cardiff, erlangte bald internationales Renommee, war binnen Kurzem ein gefeierter Opernstar. Kritiker überschlugen sich mit Komplimenten, schrieben vom "sanften Tiger aus Sibirien". Und tatsächlich hatte er immer beides: die Überwältigungswucht einer großen, tragenden Stimme und die intime Wärme und Flauschigkeit eines Wiener Charmeurs.

Nicht nur das weibliche Publikum war hingerissen, aber das ganz besonders. 1994 debütierte der russische Beau mit dem unaussprechlichen Namen - Chworostowski - an der Wiener Staatsoper, und blieb wie inzwischen an den größten Häusern der Welt, ständiger Gast. Als Riccardo Forth triumphierte er in Vincenco Bellinis "I Puritani" oder in Verdis "Maskenball" als René, Jeletzki in Peter Tschaikowskys "Pique Dame", den Figaro in Gioacchino Rossinis "Il barbiere di Siviglia" und alles, was nach Bariton-Glamour verlangte. Gleichwohl blieb er auch dem russischen Opern- und Liedrepertoire treu, das kaum jemand so überzeugend sang wie er. Aber im Westen wollte man auch andere Partien von ihm hören. Sowohl Leonard Bernstein als auch Georg Solti wollten ihn unbedingt als "Don Giovanni". Das Debüt war schon für die Salzburger Festspiele eingeplant, aber Hvorostovsky sagte ab. Warum? "Ich bin zu jung dafür", sagte er lapidar. Wenn er nicht überzeugt war, eine Figur stimmlich oder darstellerisch mindestens hundertprozentig erfüllen zu können, sang er sie nicht. Später wurde diese Partie eine seiner Glanzrollen.