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Nachruf:Wider die Doppelmoral der Männer

Eine herrliche Stimme - und ein großes Vorbild heutiger weiblicher Stars: Die amerikanische Soulsängerin Betty Wright ist gestorben.

Von Jan Kedves

"Wenn Du mich nur sampeln willst, dann sag ich Dir: Du lebst riskant!": Betty Wright (1953-2020).

(Foto: Joe Klamar/AFP)

Die Gospel-Songs ihrer Kindheit tauschte Betty Wright, bürgerlich Bessie Regina Norris, schon als Teenagerin aus gegen säkularen R&B voller Sehnsucht, Selbstbehauptung und Sex. Geboren wurde sie 1953 in Miami, Florida. Als Kind war sie zunächst mit ihren sechs älteren Geschwistern in der Gospelgruppe Echoes of Joy aufgetreten. Mit 14 besang sie auf ihrem Solo-Debüt "Girls Can't Do What the Guys Do" (1968) dann schon die Doppelmoral, die aus Männern da tolle Hechte macht, wo Frauen und Mädchen als lasterhaft beschimpft werden. Der geradezu feministische Song war der Startschuss einer Karriere, in der sie immer wieder die Themen der Erwachsenen - Liebe, Eifersucht, mangelnden Respekt, Lust - mit musikalischer Innovation verband: vom Soul und R&B der Sechzigerjahre über den Disco- und Funk-Sound der Siebziger bis hin zum plastisch-coolen Synthesizer-R&B der Achtziger. In Hits wie "Clean Up Woman", "Pure Love" oder "Shoorah! Shoorah!" ließ Wright ihre herrliche Stimme vom kristallklaren Pfeifregister bis ins aggressive Röhren kippen. Besonders schön war das auch in ihrem saftigen Disco-Hit "Where Is The Love" von 1975 zu hören.

"Gott hat mich 1975 gerettet", sagte sie später in Interviews. Das heißt, Wright war eine erfolgreiche Frau im Musikgeschäft, aber sie verdiente weniger als Männer. Deshalb gründete sie 1985 ihr eigenes Label, Ms. B Records. Ihr Album "Mother Wit" erreichte dank dem Hit "No Pain, No Gain" in den USA Goldstatus. Es war das erste Mal in der Geschichte des Pop, dass eine schwarze Künstlerin mit ihrer eigenen Plattenfirma solchen Erfolg hatte. Wright wurde so zum Vorbild heutiger weiblicher R&B-Stars, etwa Beyoncé Knowles. Letzterer soll Wright, so wie Gloria Estefan, eine Zeit lang Gesangsunterricht gegeben haben. 2011 veröffentlichte sie zusammen mit der Hip-Hop-Band The Roots das Album "Betty Wright: The Movie", auf dem sie noch einmal die ganze Laszivität ihrer Stimme ausspielte. Größen des Rap wie Snoop Dogg und Lil' Wayne gastierten dabei, beziehungsweise: erwiesen ihre Reverenz. Wright inszenierte sich als die Granddame des R&B, die der jungen Generation empfiehlt, die "Old Songs" von Stevie Wonder und natürlich ihr selbst wertzuschätzen - aber Achtung: "Wenn Du mich nur sampeln willst, dann sag ich Dir: Du lebst riskant!" Betty Wright war bekannt dafür, ihre Rechtsanwälte einzuschalten, sobald man sich ihrer Musik ohne Einverständnis bediente. Am Sonntag ist sie in ihrer Heimatstadt Miami im Alter von 66 Jahren an einer Krebserkrankung gestorben.

© SZ vom 12.05.2020

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