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Nachruf:Unheimchen am Herd

CLARK

Mary Higgins Clark, 1927 als Tochter irischer Einwanderer in der New Yorker Bronx geboren, war Stewardess, bevor sie eine erfolgreiche Autorin wurde.

(Foto: Mike Derer/AP)

Die Bestsellerautorin Mary Higgins Clark ist tot. Sie hatte unvergleichlich Karriere gemacht. Dabei ist nicht alles in ihrem Leben einfach verlaufen.

Von Fritz Göttler

"Ich kann mir gar nicht vorstellen, was ich den lieben langen Tag machen sollte, wenn ich einmal nicht schreiben würde", sagte sie mal ganz kokett. Um dann hinzuzufügen: "Hoffentlich finde ich es nie heraus."

Bis weit ins hohe Alter hatte Mary Higgins Clark, die man die "Queen of Suspense" nannte, fast in jedem Jahr einen neuen Roman herausgebracht, an die vierzig sind es wohl insgesamt, dazu noch einige Bände mit Erzählungen, mehr als hundert Millionen Bücher hat sie allein in Amerika verkauft. Sie wurde 1927 in der Bronx geboren, arbeitete als Flugbegleiterin und in einer Agentur für Radiotexte, nach zehn Ehejahren starb ihr Mann und sie war, mit nur 35 Jahren, die alleinerziehende Mutter von fünf Kindern. Von fünf bis sieben in der Früh schrieb sie ihre ersten Texte, dann weckte sie die Kinder zum Frühstück.

Ihr erster Roman, "Aspire to the Heavens", ein biografischer Roman, erzählte von der Liebe von George Washington und seiner Frau Martha, er erschien 1969 und verkaufte sich schlecht. Als nächstes legte sie, 1975, den ersten Krimi vor, "Where Are the Children" / "Winterschlaf", der erste Erfolg. Es sei, so erklärte David Foster Wallace, eines der verstörendsten Bücher, im Original sagt er sogar: "One of the scariest fucking books I've ever read." Dabei blieben Gewalt, Obszönität oder gar Sex natürlich draußen in den Büchern der Erfolgsautorin.

Für ihren darauf folgenden Roman "A Stranger Is Watching" / "Gnadenfrist" erhielt sie bereits über eine Million Dollar von ihrem Verlag Simon & Schuster.

Die Verankerung im Häuslichen prägt all diese Romane, und plötzlich dringt immer das Unheimliche ins Leben der Heldinnen ein: Traumata der Jugend, Verschollene und Totgeglaubte aus der Vergangenheit, allenthalben Verdrängtes. In der Jugend hatte Clark oft Mordprozesse besucht, die Gerichtskolumnen aus der Zeitung ausgeschnitten. Im letzten Roman "Kiss the Girls and Make Them Cry" geht es um einen Missbrauchsfall und die MeToo-Bewegung. Mary Higgins Clark war nie auf Schock und Entrüstung aus, sie interessierten die Mechanismen, die hier wirksam werden, wer plant eine langzeitige Vertuschung, wo kommt das Geld her, wer verhandelt mit den Opfern. Am Freitag ist Mary Higgins Clark im Alter von 92 Jahren in Naples, Florida gestorben.

© SZ vom 03.02.2020

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