Nachruf Trump ist kein Konservativer

Alan Brinkley (1949-2019).

(Foto: Columbia University)

Der amerikanische Zeithistoriker Alan Brinkley, der lange in New York lehrte, ist im Alter von 70 Jahren gestorben.

Von Michael Hochgeschwender

Der Doyen der amerikanischen Zeitgeschichte ist am 16. Juni gestorben. Alan Brinkley war einer der letzten Vertreter und zugleich Kritiker der großen Tradition liberaler Konsens-Historiografie, die zwischen den Vierziger- und Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts die amerikanischen Geschichtswissenschaften beherrscht hatte.

1949 als Sohn des populären TV-Journalisten und langjährigen NBC-Nachrichtensprechers David Brinkley geboren, hatte er bereits in seiner Kindheit und Jugend den Star der Liberalen und Berater John F. Kennedys, Arthur M. Schlesinger, Jr. kennengelernt. Unter dessen Einfluss stehend, hatte Brinkley an den Eliteuniversitäten Princeton und Harvard studiert und war dann an die nicht minder renommierte Columbia Universität in New York City berufen worden, an der er über mehrere Jahrzehnte bis zu seinem Lebensende tätig war. In dieser Zeit bildete sich ein ebenso großer wie reger Schülerkreis um den menschlich einfühlsamen und zugänglichen akademischen Lehrer.

Aber nicht nur nach innen, in die Universität hinein, deren Provost (akademischer Direktor) er von 2003 bis 2009 war, wirkte der stets nuanciert argumentierende Historiker. In seinen Büchern, Artikeln und Kommentaren wandte er sich auch an eine breitere, politisch und historisch interessierte Öffentlichkeit, zumal er ein glänzender Stilist war, dessen Schriften zu lesen immer eine echte Freude war.

Brinkleys Hauptinteresse galt der Großen Depression der Dreißigerjahre, dem "New Deal" Franklin Delano Roosevelts, dem Zweiten Weltkrieg sowie der Entwicklung von Liberalismus und Konservatismus in den USA seit der Kennedy-Ära. In "Voices of Protest" (1983) rückte er deutlich von der konsensliberalen Kritik an den vorgeblich antidemokratischen und irrationalen "Populisten" Huey Long und Charles E. Coughlin ab und stellte sie in die demokratische Tradition der USA. Damit setzte er sich von seinem Kollegen Richard Hoftstadter ab, der in dem Buch "Age of Reform" den Populismus als eine Art Protofaschismus gedeutet hatte. 1995 kritisierte Alan Brinkley dann in "The End of Reform" das Abrücken Roosevelts vom sozialen Reformismus seiner frühen Präsidentschaftsjahre und machte diese Entscheidung für den nachfolgenden Niedergang des Liberalismus verantwortlich.

Kurz zuvor, 1994, hatte Brinkley in dem maßgeblichen Artikel "The Problem of American Conservatism" das grundlegende Desinteresse der liberalen Historiker am amerikanischen Konservatismus bedauert und damit den Impuls zu einer vertieften Diskussion dieser vernachlässigten intellektuellen Traditionslinie gegeben. Der aufmerksame Leser Brinkleys wird in der Analyse Donald Trumps nie auf die Idee kommen, den derzeitigen Präsidenten der USA für einen echten Konservativen oder gar einen Populisten zu halten. Trumps selbstbezogener Narzissmus entzieht sich solchen Kategorien. Die sorgfältig abwägende, methodisch rigorose akademische Stimme Alan Brinkleys, der sich vom betörenden Wortgeklingel intellektueller Moden ebenso wenig blenden ließ wie von oberflächlichen Erklärungen der Tagespolitik, wird uns zweifellos fehlen.