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Nachruf:Tilmann Lehnert ist gestorben

Lustvoll und unverdrossen vagabundierte er zwischen Buch und Bühne hin und her. Der Autor, Musiker und Performancekünstler Tilmann Lehnert war ein Virtuose der Alltagsgoteske.

"Akryl, Akryl", mit diesem gellenden Ruf begeisterte er das von dieser Vitalexplosion völlig überraschte Mitternachtspublikum im Varieté Chamäleon in den Hackeschen Höfen in Berlin. Dabei war nichts besonders Auffälliges an dem ansehnlichen Mann mit den grauen Locken, dem schwarzen Sacco und den weißen Hosen. Der sah aus wie ein vornehmer Dichter. Und dann der Schrei: " Akryl, Akryl".

Tilmann Lehnert, der 1941 in Darmstadt geboren wurde, war ein mitreißender Performer seiner Gedichte, Dialoge und Prosa, die sich in ihrer scheinbaren Alltäglichkeit binnen weniger Sätze unwiderstehlich ins Groteske, wenn nicht gleich ins Wahnwitzige steigern. Wenn er allein oder in der Gruppe "Erlebnisgeiger und Klavier und Gesang", in der auch der Berliner Maler Johannes Grützke dabei war, als Pianist auftrat, blieb schon nach wenigen Minuten kein Auge mehr trocken, so herzzerreißend komisch war die Wirkung dieser Combo der Extreme.

Ob in der Berliner "Bar jeder Vernunft" oder in Peter Zadeks Deutschem Schauspielhaus Hamburg, auf Kleinkunstbühnen und in Museen, wenn Grützke dort ausstellte, überall machten die "Erlebnisgeiger und Klavier und Gesang" Sensation. Tilmann Lehnert, der auch in Filmen von Werner Schroeter und Rosa von Praunheim mitwirkte, war nebenbei auch Gymnasiallehrer, im Französischen genauso wie im Deutschen zu Hause.

Er erforschte die hochtönende Lyrik von Saint John Perse, sang Altberliner Lieder ebenso wie er die Musik überhaupt leidenschaftlich liebte. Dass er gute Weine und feines Essen schätzte, gern durch Städte und Landschaften Europas wanderte, erzählt etwas von der im tiefsten Grunde romantischen Seele dieses formbewussten Erzdichters, der auch noch aus der abgefahrensten Alltagsfloskel - "Nie rufst Du an!"- tragikomisches Potenzial ziehen konnte.

Wie dieser Performance-Virtuose bei seinen Auftritten den Refrain seiner "U-Bahn"-Ballade ("Dann bleib doch unten!") intonierte, ist so unvergesslich wie der ganze einzigartige, so lustvoll wie unverdrossen zwischen Bühne und Buch, Tiefsinn und leichter Muse vagabundierende Künstler. Am 2. April ist Tilmann Lehnert nach langer Krankheit im Alter von 79 Jahren in Berlin gestorben.

© SZ vom 06.04.2020

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