Nachruf auf Thomas Rosenlöcher:Im sächsischen Schnee

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Nachruf auf Thomas Rosenlöcher: Thomas Rosenlöcher liest 2020 in der Akademie der Künste in Berlin aus seinen Gedichten.

Thomas Rosenlöcher liest 2020 in der Akademie der Künste in Berlin aus seinen Gedichten.

(Foto: Berliner Akademie der Künste/IMAGO/gezett)

Ein präziser Beobachter der Zeit der Wiedervereinigung und der Poet des Alltäglichen und der Feierabendbiere: Der Dresdner Dichter Thomas Rosenlöcher ist gestorben.

Von Nico Bleutge

Als Bärtigen mit "schütter wirrem Haare" hat sich Thomas Rosenlöcher einmal beschrieben. Tatsächlich aber war es sein Blick, der auffiel: eulenhaft, neugierig, fragend, es fand sich darin auch etwas Schalkhaftes. Thomas Rosenlöcher war ein Dichter, der mit Sprache Landschaften zeichnen konnte. Und zugleich leuchten in seinen Versen immer wieder die gesellschaftlichen Verhältnisse auf.

Dresden, seine Geburtsstadt, war ihm nicht nur viele Jahre Lebensort, sondern auch Fluchtpunkt der "Kunstausübung", wie er sein Dichterhandwerk nannte. Zunächst blieb Rosenlöcher, 1947 geboren, der unternehmerischen Linie der Familie treu und studierte Ökonomie. Bald schon sattelte er aber um und ging ans Leipziger Johannes-R.-Becher-Institut. Es folgten Jahre am Kinder- und Jugendtheater Dresden, bevor er nach Erscheinen seines ersten Gedichtbandes 1982 als freier Schriftsteller arbeiten konnte.

"Ich lag im Garten bei Kleinzschachwitz", hieß dieser Band. Und ähnlich handfeste Situationen hat Rosenlöcher immer wieder in seine Gedichte geholt. "Ich sitze in Sachsen und schau in den Schnee", lautete der Titel eines Auswahlbandes mit 77 Gedichten, der ihn 1998, mit leichter Verspätung, auch im wiedervereinigten Deutschland bekannter machte. Die Kälte des Schnees - das war die DDR-Gegenwart seit Mitte der Siebzigerjahre, das Buch versammelte Gedichte aus seinem Debüt und aus dem Band "Schneebier" von 1988. Überhaupt das Trinken: Was zunächst nach harmloser Liebe zum Feiertagsbierchen klingt, ist tatsächlich eines von Rosenlöchers wichtigsten Motiven, das er ein ums andere Mal benutzte, um seinen Versen eine feine kritische Perspektive auf den DDR-Alltag einzuziehen: "Wir hatten die ganze Nacht arbeiten müssen / und tranken mit mürrischem Schweigen."

Er sah die Risse der Oberfläche, die man so hübsch einfach "Wende" getauft hatte

Dinge spürbar werden zu lassen, hat er einmal notiert, sei ihm in Gedichten viel wichtiger als jede Botschaft. Und so sieht man den Dichter am Feldrain stehen und für sein Lesepublikum Beobachtungen sammeln. Vom Meer, von Bauminseln oder von "Graugansflügen". Aber zu Rosenlöchers Bild der Landschaft gehören auch "Häuser, grau wie die Vorzeit, / gegen den Kühlturm geduckt". Seine Kunst bestand darin, diese Wahrnehmungsmomente stets in eine präzis austarierte Form zu bringen. Oden, Hymnen oder Sonette gingen ihm genauso leicht von der Hand wie freie Rhythmen.

Bei alldem haben die Gedichte fast immer etwas Pointiertes, und er besang nicht nur Landschaften, sondern auch die Zahnbürste oder andere Gegenstände des täglichen Bedarfs. Hatte Hans Magnus Enzensberger Ende der Sechziger ironisch "Die Scheiße" bedichtet, so versuchte es Rosenlöcher zehn Jahre später mit der "Klopapierolle": "Da dir Gesang nicht gegeben und deine bedeutende Rolle / häufig verschwiegen wird, sing ich, Bescheidne, dich nun."

Wenn er nicht gerade an Versen saß, meldete er sich in Essays und Notizen zu Wort, stellte meinungsstarke Mitschriften seiner Zeit her. "Die verkauften Pflastersteine" nannte er ein Tagebuch, in dem er die Veränderungen von 1989 und 1990 festhielt. Immer noch saß er im sächsischen Schnee und sah nun vor allem die Risse in jener vermeintlich weißen Oberfläche, die man so hübsch einfach "Wende" getauft hatte.

In einem seiner beeindruckendsten Gedichte lässt er einen Engel die Kriegstoten des 20. Jahrhunderts zählen. Es ist ein ziemlich gewöhnlicher Engel, mit einer "Eisenbahnermütze", wie sie auch Rosenlöcher selbst getragen haben könnte: "Er steht im Schnee, wo alle Züge enden. / Und zählt die Toten, die man, Stück für Stück, / an ihm vorüberträgt, von links nach rechts. // Doch schon bei sieben weiß er nicht mehr weiter."

Am 13. April ist Thomas Rosenlöcher im Alter von 74 Jahren im sächsischen Kreischa gestorben.

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