Süddeutsche Zeitung

Nachruf:Robert Kahn ist gestorben

Er gab Kafkas Sätzen im Französischen Sachlichkeit und Härte. Nun starb der Übersetzer und Philologe.

Von Joseph Hanimann

Bis vor drei Monaten hatten französische Leser keinen Zugang zur vollständigen Ausgabe von Kafkas "Tagebüchern". Sie mussten auf die 1954 erschienene Übersetzung der großen Germanistin Marthe Robert zurückgreifen, die auf der von Max Brod bereinigten Textfassung beruhte. Zu Beginn dieses Jahres erschien im Kleinverlag Nous nun die ungekürzte Ausgabe der "Journaux" in der Übersetzung von Robert Kahn. Es ist das testamentarische Werk dieses so bedeutenden wie diskreten Sprachziseleurs geworden. Zuvor war von ihm eine Neuübersetzung der "Briefe an Milena" und unter dem Titel "Derniers Cahiers" eine Textsammlung aus Kafkas letzten Lebensjahren erschienen. Gegen seine berühmten Vorgänger der Kafka-Übertragungen, Pierre Klossowski, Alexandre Vialatte, Marthe Robert, Georges-Arthur Goldschmidt, Bernard Lortholary, war Kahn bemüht, die Tendenz des Poetisierens zu überwinden und Kafkas Sprache die spröde Sachlichkeit und faktische Härte zurückzugeben. Das gelang diesem Philologen, der an der Ecole Normale Supérieure von Saint-Cloud bei Paris studiert und über Walter Benjamins Proust-Lektüre promoviert hatte und der an der Universität Rouen vergleichende Literaturwissenschaft lehrte, mit vorzüglicher Effizienz. Seine Wortfolgen klirren und fügen sich doch federnd in Kafkas fließenden Sprachduktus.

In einem Aufsatz über Walter Benjamin als Proust-Übersetzer griff er 1997 Benjamins Bemerkung von den "Kobolden" auf, die dem Übersetzer manchmal frühmorgens zu Hilfe kämen, und strickte den Gedanken weiter. Möge es sich bei dieser Arbeit auch um eine "magische Tätigkeit" handeln, schrieb er, dulde sie doch nicht die geringste Ungenauigkeit und den geringsten Kompromiss, denn das Übersetzen schaffe im Tagesablauf des Philologen einen "heiligen Raum" der besonderen Aufmerksamkeit. Wie ein prosaischer Magier hat Robert Kahn zeitlebens seinen Beruf ausgeübt. Knapp sechzigjährig ist er nach langer Krankheit in Paris gestorben.

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Quelle:
SZ vom 14.04.2020
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