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Nachruf:Rhythmischer Mentor

Der Schlagzeuger, Mitbegründer des Afrobeat und Pionier für die Beats der Electro- und Technoproduzenten Tony Allen ist tot.

Sein atemberaubendes Zischeln, Trippeln und Ruckeln verflüssigte den Beat: Tony Allen 2010 beim Glastonbury Festival.

(Foto: LEON NEAL/AFP)

"Bloß kein Ballast, Mann, bloß kein Ballast!" Das was so ziemlich der längste Satz, den der Schlagzeuger und Mitbegründer des Afrobeat Tony Allen dem Journalisten bei einem Interview vor seinem Auftritt in einem Münchner Jazzclub hinwarf. Das Gesicht unbewegt und würdevoll wie eine Yoruba-Maske zog Allen - laut Brian Eno "der wichtigste Musiker der letzten 50 Jahre" - stattdessen an einem Joint, verengte die rot unterlaufenen Augen zu Schlitzen und blies eine Dampfwolke durch die Mundwinkel.

Wie sein Schlagzeugspiel es nur schaffte, gleichzeitig Jazz-Musiker, Rockbands wie die Talking Heads, Electro- und Technomusiker zu beeinflussen? "Afrobeat bedeutet Grenzen einzureißen", raunte Allen mit heiserer Bassstimme. Und: "Listen to my drums". Hören Sie auf meine Trommeln. Nichts lieber als das! Denn im Kontrast zu Tony Allens lakonischer Wortkargheit sprach die Geschmeidigkeit und dynamische Energie seiner Handarbeit für sich selbst.

Legendär die Jam-Session mit seinem Freund Damon Albarn und dessen Africa Express-Kollektiv 2007 in Kinshasa. Kongolesische Gitarristen und Fingerklavierspieler gaben sich da mit einem halben Dutzend westlicher Rock- und Hip-Hop-Stars ein Stelldichein in einem Hinterhof. Das tönte zunächst nach einem Desaster. Die Musiker fanden kaum zueinander, bis Tony Allen auf einem zerbeulten Drumset, das er aus einer benachbarten Kirche geliehen hatte, eingriff. Lässig ließ er seine Stöcke tanzen. Lächelte in sich gekehrt wie ein Zen-Meister. Und jonglierte die Polyrhythmen wie ein halbes Dutzend Gummibälle, die die unterschiedlichen Sounds in Endlosschleifen zusammenschnürten. Egal, dass der Strom ausfiel. Egal dass das Drumset immer wieder auseinanderkrachte. Allens Aura fing alle ein: Seine minimalen Rhythmus-Verschiebungen, quirligen Hi-Hats und kraftvollen Doppelschläge auf der Bassdrum schoben die Session an und erinnerten daran, warum Fela Kuti als Allen ihn nach gut 40 gemeinsamen Alben verließ, gleich vier Schlagzeuger engagierte, um den Verlust wettzumachen. Denn gute Trommler gibt es viele. Allen aber überschritt die Grenze von der Meisterschaft zur Magie. Sein atemberaubendes Zischeln, Trippeln und Ruckeln verflüssigte den Beat.

Als er Fela Kutis Band verließ, musste der gleich vier Drummer einstellen

Der aus Lagos stammende Allen hatte in seiner Jugend die Alben von Max Roach und Art Blakey studiert und sich mit einer Anleitung des Jazzmagazins Downbeat selbst das Schlagzeugspielen beigebracht. Als Fela Kuti ihn 1964 zum ersten mal hörte, erkannte er: Allens rhythmische Fusion aus Highlife und Jazz war einzigartig. Doch erst nach einer Amerikatour von Kutis Koola Lobitos im Jahre 1969 zündete die Kombination aus Funk, Highlife und Black Power Rhetorik. Tony Allen fungierte nun als musikalischer Direktor der in Africa 70 umbenannten Band. Er war es, der in 10 bis 20-minütigen Jams die elektrifizierten "Call and Response"-Muster zwischen Keyboards, Bläsern, und weiblichen Backgroundchören choreografierte. Er war es der alle Instrumenten zu perkussiven Wasserträgern eines einzigen funky Mahlstroms formte.

1978 verließ Allen Kutis Band für eine Solo-Karriere. Eine Zeit lang lebte er als Illegaler in London. In seiner Wahlheimat Paris ging er später mit Manu Dibango, Grace Jones und Charlotte Gainsbourg ins Studio. Einen wirklichen Neustart aber verdankte er seinen Bewunderern in der Electro- und Technoszene. Das 2001 zusammen mit Doctor L aufgenommene Album "Psyco On Da Bus" zeigte, wie gut Allens elliptische, in ewiger Vorwärtsbewegung kreiselnden Loops sich mit elektronischer Musik vertrugen. "Der Afrobeat dehnt sich ständig aus", erklärte er. "Darum arbeite ich gerne mit Leuten zusammen, deren Musik nicht wie meine eigene klingt". In diesem Sinne spielte der Schlagzeuger mal ein Jazz-Album für Blue Note ein, jammte er mit Hugh Masekela oder Oumou Sangaré, ließ er sich auf Kollaborationen mit Techno- und Dub-Koryphäen wie Moritz von Oswald und Jeff Mills ein, und wurde zum rhythmischen Mentor von Damon Albarns Projekten wie The Good, The Bad & The Queen. Seine Neugier jedenfalls blieb grenzenlos. Nun die Meldung, dass er am Donnerstag unerwartet in einem Pariser Krankenhaus an einem Bauchaortenaneurysma verstorben ist. Tony Allen mag die Sticks mit 79 Jahren ablegen. Seine Rhythmen aber sprechen weiter - als Metapher für eine Freiheit, die über alle Parolen hinausgeht.

© SZ vom 02.05.2020

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