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Nachruf:Ohne ihn

Sänger, Tänzer, Musiker, Produzent: Prince wagte alles - weil er es konnte. Am Donnerstag ist er überraschend gestorben. Was der Ausnahmemusiker der Popgeschichte hinterlässt.

Von Jens-Christian Rabe

Wenn große Popstars tot sind, finden sich in ihren Würdigungen oft Begegnungen mit dem Verstorbenen, damit endlich die Frage geklärt ist, wie er denn nun wirklich war, der Star, in echt, abseits des Rampenlichts. Und danach werden die höchsten Höhen des Werks abgeschritten, damit alles seine Ordnung hat im Olymp der Musikgeschichte. So war es nun auch bei Prince, der am Donnerstag überraschend in seinem Haus in der Nähe von Minneapolis unter bislang nicht geklärten Umständen gestorben ist. Aber allen offiziösen Einordnungen geht im Pop bei jedem Einzelnen natürlich eine ganz persönliche musikalische Überwältigung voraus. Zum Beispiel an einem Nachmittag in den Neunzigern, nach der Schule, auf MTV, dem Sender, der die Popkultur einst noch ins letzte Wohnzimmer des Planeten blies. Da war dieses Video zu dem Hit "Gett Off" von Prince zu sehen, in dem am Anfang zwei sehr durchsichtig gekleidete Frauen vor zwei nackten, muskulösen Männern mit blauen Gesichtern landen, die aus ungeklärten Gründen ein offensichtlich sehr hohes Tor bewachen.

So weit, so erwartungsgemäß absurd. Aber dann nennen sie ihre Namen - "Diamond" und "Pearl", zwinker, zwinker - die Blaumänner öffnen die Tore, und man hört diesen markerschütternden Schrei, ein heiseres Quietschen, das in einen ächzenden Schmerzensschrei übergeht. Argh. Prince!

Auf die Frage, warum er am Anfang seines Songs "Raspberry Beret" hustet, antwortete er einmal: "Weil ich etwas tun wollte, was niemand sonst tun würde." Ja, er tat das alles, weil er es konnte, weil es noch niemand gemacht hatte, weil einem Genie wie ihm, der jedes Instrument selbst spielen, jeden Takt selbst komponieren, jede Zeile selbst schreiben und jeden Ton selbst singen konnte, alles zu Musik wird. Und sei es der Schmerzensschrei eines Sexgottes, für den im Video zu diesem schlüpfrigen Schubser "Gett Off" übrigens doch alles rundläuft mit den Girls und so. Wobei immer klar ist, dass ihm das irrwitzig gekonnte Solo auf der gelben Horngitarre mindestens genauso wichtig war wie der überdrehte Sexkram, der vor allem ein gemeiner Witz war auf Kosten der kleinen weißen Grünschnäbel vor dem Fernseher.

39 Studioalben

hat Prince eingespielt. Insgesamt verkaufte er im Laufe seiner Karriere mehr als 100 Millionen Tonträger. Allein 22 Millionen Mal sein erfolgreichstes Album "Purple Rain".

Seine Musikalität brachte sogar ein Spätwerk hervor, das für einen Star dieses Kalibers eigentlich zu gut ist. Man höre nur das 2006 erschienene "3121", sein letztes Nummer-eins-Album. Es war funky, groovy, tricky, voller Soul. Der Meister fieselte seine Kopfstimme wie eh und je druckvoll lasziv durch die Songs. Selbstverständlich hatte er das Album selbst produziert. Allerdings war unüberhörbar, dass er den Kontakt zum zeitgenössischen R 'n' B längst verloren hatte. Der war mittlerweile zu mächtiger Bassmusik geworden und verdankte seine Impulse weniger dem klassischen Soul und Funk als dem avancierten Hip-Hop.

Die Musik von Prince verwies dagegen weiter tief in die Achtziger, allerdings formvollendet und auf seine unnachahmliche Art immer noch frisch. Und so blieb es auch auf den sieben folgenden Alben - "HITnRun Phase One" und "HITnRun Phase Two" erschienen erst im vergangenen Jahr-, die kaum noch beachtet wurden. Nicht zuletzt, weil ihm keine Single-Hits mehr gelangen, obwohl er mit Hilfe eines jüngeren Starproduzenten, Pharrell Williams zum Beispiel, bestimmt noch für den einen oder anderen gut gewesen wäre. Sein Ruhm, das zeigte nicht zuletzt sein umjubelter kleiner Grammy-Auftritt 2015, steuerte eigentlich gerade wieder auf einen ganz neuen Höhepunkt zu. Der Prince war ja erst 57 Jahre alt.

© SZ vom 23.04.2016
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