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Nachruf:Nationen sind keine Monaden

Der Historiker Jan Křen wurde 1930 geboren und setzte sich für gute Beziehungen zwischen Tschechen und Deutschen ein.

(Foto: Ingo Wagner/dpa)

Er begriff die Geschichte von Tschechen und Deutschen als Beziehungsgeschichte: Zum Tod des großen tschechischen Historikers Jan Křen, der wichtige, verbindende Grundlagenarbeit betrieb.

Von Martin Schulze Wessel

Ob in Prag, Warschau, Budapest oder Bratislava, Geschichtsdenken war überall in Ostmitteleuropa eine Triebfeder der Revolution von 1989. Dabei ging es um die Überwindung der sozialistischen Geschichtsmythen und eine Neuentdeckung der Nationalhistorie.

Doch welcher Nationalhistorie? Von den Nationalgeschichten, die heute zuweilen in den offiziellen Geschichtsmuseen und "Instituten des Nationalen Gedächtnisses" erzählt werden, unterschied sich ein Ansatz, der in der Spätzeit des Staatssozialismus entwickelt wurde, fundamental. Für die tschechische Historiografie gewann damals Jan Křens Buch "Die Konfliktgemeinschaft: Tschechen und Deutsche, 1780 - 1918" emblematische Bedeutung. Křen begriff die tschechische Geschichte als Beziehungsgeschichte mit den Deutschen und vollzog eine doppelte Abgrenzung: Gegenüber der offiziellen kommunistischen Historiografie, aber auch gegenüber der Vorstellung, dass Nationen sich in der Geschichte wie Monaden beschreiben lassen.

Tschechische Geschichte war, so Křens Leitidee, zutiefst mit deutscher Geschichte verflochten. So gesehen, resultierte die Komplexität der tschechischen Geschichte aus der Frage, wer gerade das Gegenüber der Tschechen war: die Deutsch-Böhmen und -Mährer und Schlesier oder nach 1918 die Sudetendeutschen, die Deutschen Österreichs oder die Reichsdeutschen? In jeder historischen Periode repräsentierten die Deutschen etwas anderes und verhielten sich anders gegenüber ihren Nachbarn. Denkt man, wie Křen, tschechische Nationalgeschichte konsequent in ihren variablen Beziehungen - auch etwa zu Frankreich, Polen oder Russland -, so ist sie nur als europäische zu begreifen.

Jan Křen schrieb dieses gedankenreiche Buch als Dissident. 1930 geboren, erlebte er als Jugendlicher die deutsche Besatzungsherrschaft und studierte später, in der Hochzeit des Stalinismus, an der Prager Hochschule für Politik, die dem Zentralkomitee der KPČ zugeordnet war. Mitte der Sechzigerjahre vollzog Křen, der inzwischen einen Lehrstuhl an der Karls-Universität innehatte, einen Wandel. Zu seinen Forschungsthemen gehörten jetzt auch die bürgerliche Erste Tschechoslowakische Republik und der Londoner Auslandswiderstand der Tschechoslowaken gegen die NS-Herrschaft.

Er engagierte sich für den Prager Frühling und beriet Reformpolitiker. Nach der Niederschlagung des "Sozialismus mit menschlichem Antlitz", in der Zeit der sogenannten Normalisierung, folgte Křens Degradierung: Er verlor seine Professur und arbeitete fortan in einem Wasserwerk, hielt aber an den humanistischen Idealen des Prager Frühlings fest. Er gehörte zu den Erstunterzeichnern der Charta 77, organisierte Lehrveranstaltungen im Untergrund und veröffentliche im Samizdat. Sein großes Werk über die "Konfliktgemeinschaft" von Tschechen und Deutschen zirkulierte 1988 als hektografiertes Manuskript im Untergrund.

Mit anderen tschechischen Dissidenten vertrat Jan Křen die Überzeugung, dass Tschechen und Deutsche ein gemeinsames Schicksal teilten: Freiheit war nur gemeinsam zu erlangen. Bereits 1985, als in Westdeutschland kaum jemand die deutsche Teilung infrage stellte, sprach sich Křen zusammen mit anderen Dissidenten wie dem späteren Außenminister Jiří Dienstbier für die Wiedervereinigung aus.

Nach der Revolution von 1989 kehrte Křen an die Karls-Universität zurück. Nun entfaltete er organisatorisch, was er im Untergrund gedanklich vorbereitet hatte: Er gründete das Institut für Deutsche und Internationale Studien, das sich zu einem Zentrum der historischen und politikwissenschaftlichen Forschung entwickelte. Er initiierte die Deutsch-Tschechoslowakische Historikerkommission, die die gemeinsame Geschichte aufarbeitete und für schwierige Themen wie die deutsche Besatzung oder die Vertreibung der Deutschen solide geprüfte Fakten und gemeinsam erarbeitete Deutungen anbot. Dass das Verhältnis von Tschechen und Deutschen heute weniger von Konflikten als von der Gemeinschaft der Interessen geprägt ist, ist auch ein Verdienst seiner Grundlagenarbeit. Nun ist Jan Křen in einem Prager Krankenhaus an einer Corona-Infektion gestorben.

© SZ vom 14.04.2020

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