Süddeutsche Zeitung

Nachruf:Nanni Balestrini ist gestorben

Autor der Neoavantgarde und Klassenkämpfer: Der italienische Schriftsteller war Mitbegründer der "Gruppo 63", zu der auch Umberto Eco gehörte, und der "Potere Operaio". Mit 83 Jahren ist er in Rom gestorben.

Der 1935 in Mailand geborene Schriftsteller Nanni Balestrini gehörte einer Avantgarde an, die sich 1963 in Palermo zusammentat, und sich nach der entsprechenden deutschen Bewegung der Nachkriegsliteratur "Gruppo 63" nannte. "Wir waren Störenfriede", sagte der zu den Gründern gehörende Umberto Eco. Angesichts der gesellschaftlichen Veränderungen im Italien der sechziger Jahre lehnte man den alten Neorealismus ab: "uns interessieren Formen, nicht Inhalte", sagte Balestrini. Die Idee seines Liebesromans "Tristano", der 1964 in Italien erschien, konnte bei der ersten Übersetzung ins Deutsche 2009 dank moderner Computertechnik erst richtig verwirklicht werden: Die je 30 Abschnitte der zehn Kapitel wurden zufällig kombiniert und dank digitaler Drucktechnik erschien jedes Exemplar der Auflage als Unikat. Balestrini war 1968 Mitgründer der Gruppe "Potere Operaio", die eher erfolglos versuchte, Fabrikarbeiter etwa bei Fiat in Turin zum Klassenkampf anzustacheln. Davon handelt sein Roman "Wir wollen alles" (1971). Dem Vorgehen der Polizeibehörden gegen die Linke entkam Balestrini nach Paris, wo er bis 1984 blieb. Als Balestrinis bekanntester Roman gilt "Die Unsichtbaren" (1987), 1989 erschien "Der Verleger", angelehnt an Giangiacomo Feltrinelli, in dessen Verlag er zehn Jahre lang gearbeitet hatte. Mit 83 Jahren ist Nanni Balestrini in Rom gestorben.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir als Gründungsjahr der "Gruppo 63" fälschlicherweise 1936 genannt. Richtig ist, dass die von der deutschen "Gruppe 47" inspirierte "Gruppo 63" im Oktober 1963 gegründet wurde.

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SZ vom 22.05.2019/cat
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