Nachruf Meister der Opulenz

Gefiel sich in der Rolle des rechten Exzentrikers: Franco Zeffirelli.

(Foto: GIORGIO ONORATI/EPA-EFE/Shutterstock)

Zum Tod des italienischen Bühnenbildners, Theater- und Operninszenators und Filmregisseurs Franco Zeffirelli, der in allem dem Pomp huldigte.

Von Harald Eggebrecht

Wer je eine Bühnenregie-Produktion von Franco Zeffirelli erlebt oder eine seiner Theater- und Opernverfilmungen gesehen hat, dem wird viel dazu einfallen, nur nicht Beschreibungskategorien wie arm, streng, revolutionär, radikal, neu oder überraschend. Zeffirelli liebte es, die Bühnen geradezu hemmungslos vollzustellen und zu bevölkern, auf dass man viel auf ihnen entdecken und sich nicht satt sehen konnte an all den Spektakeln von Jongleure, Artisten und anderem Zirkus dieser Art. Es bot ein unentwegt in die eigentliche Handlung hineindrängendes Nebenbei, das theatralisch dekorativ wirksam, aber oft dramaturgische Notwendigkeit vermissen ließ.

Seine Bühnenausstattungen scheuten in ihrer Üppigkeit nie vor Kitsch zurück, sie wollten überwältigen im Sinne einer Ästhetik, nach der Theater und Oper die bis ins Bombastische gesteigerte Gegenwelt zum Alltäglichen sein sollte. So strotzte seine Version von Puccinis "Turandot" 1987 an der New Yorker Met, eine überbordende Fantasie-Chinoiserie, von einem so schweren und aufdringlichen Luxus, dass dahinter fast das Operngeschehen verschwand. Doch in ihren besten Momenten konnte Zeffirellis Inszenierungen magische Unalltäglichkeit gelingen vor allem durch die überragenden Darsteller und Sänger, die in seinen Inszenierungen auftraten und sich offensichtlich wohl fühlten im Zeffirelli-Pomp: Maria Callas wahrhaft als allererste, der Zeffirelli 1958 in Dallas, Texas mit "La Traviata" und 1964 am Londoner Covent Garden mit "Tosca" historische Triumphe bereitete. Joan Sutherland, Placido Domingo, Luciano Pavarotti und weitere haben in Zeffirelli-Produktionen brilliert, dazu dirigierten ganz Große wie Herbert von Karajan, Riccardo Muti, Riccardo Chailly und andere.

Zeffirelli selbst hat sich als Pragmatiker bezeichnet, der seine Effekte gut kalkulierte

Auch seine Verfilmung von Shakespeares "Der Widerspenstigen Zähmung" von 1966 glänzte bei aller Raffinesse der Farbgestaltung und Dekorlust zuerst von der Prominenz und Wucht seines Darstellerpaares Elizabeth Taylor und Richard Burton. Sieht man den Film heute, lebt er fast nur noch durch die robuste Vitalität von Taylor-Burton, während Zeffirellis Ausstattungsfuror arg gealtert und vergilbt scheint.

Zeffirelli, der immer auch ein egomaner, großsprecherischer, selbstverliebter, aneckender und provozierender Selbstinszenator war, also Schöpfer des Lebenskunstwerks "Zeffirelli", wurde am 12. Februar 1923 in Florenz geboren als uneheliches Kind einer Modezeichnerin und eines verheirateten Kaufmanns. Franco Corsi, so hieß er und von ferne sogar mit Leonardo da Vinci verwandt, verlor die Mutter als sechsjähriger, wurde dann von einer Tante erzogen. Er begann nach der Schule in Florenz mit Architektur, leitete die Studentenbühne und schloss sich 1943 den Partisanen gegen die deutschen Besatzer an. Dabei schlug er sich bis zu den britischen Linien durch und wurde Verbindungsmann zur Resistenza. 1946 ergab sich die wohl lebensentscheidende Begegnung, er traf Luchino Visconti und dessen Theatertruppe "Morelli-Stoppa". Dort stieg er als Bühnenbildner ein, bald war er auch Viscontis Assistent, Freund, Privatsekretär und rechte Hand. Daneben arbeitete er mit Salvador Dalí zusammen und assistierte noch bei Vittorio de Sica und Roberto Rosselini.

Doch während der andere Assistent von Visconti, Francesco Rosi, die Ideen und die Ästhetik des Neorealismus auf seine Weise fortsetzte, wandte sich Zeffirelli dem Weg ins Schwelgerische, Kulinarische, Üppige zu: Oper als pompöse Veranstaltung des schönen Oberflächenglanzes, des gefälligen Realismus, der leicht nachvollziehbaren psychologischen Gefühlsdarstellung. Er selbst hat sich als Pragmatiker bezeichnet, der seine Effekte gut zu kalkulieren wusste.

Dass er sich 1969 nach schwerem Autounfall zum konservativen Katholizismus bekannte, zwischen 1994 und 2001 für Berlusconis "Forza Italia" im Senat saß und mit erzreaktionären Einlassungen zu Abtreibung, Linken, Migranten und zur Homosexualität Schlagzeilen machte, obwohl bekennender Homosexueller, zeigt nur, wie sehr er sich in der Rolle des bärbeißigen, rechten Exzentrikers gefiel und sie auskostete. Sein mehrstündiger "Jesus"-Film von 1977 fiel bei der Kritik durch, aber Stars wie etwa Claudia Cardinale, Ann Bancroft, Peter Ustinov und Antony Quinn sicherten den Publikumserfolg.

Die späten Filme, der autobiografische "Tee mit Mussolini" (1999) über seine frühen Florentiner Jahre und die Hommage "Callas Forever" mit Fanny Ardant als Maria Callas (2002), sind weniger stark vom Stil des dekorativen Aufwands geprägt. Im Ganzen aber wird Franco Zeffirelli, der am am Samstag mit 96 Jahren in Rom gestorben ist, wohl als italienisches Gesamtkunst-Phänomen in Erinnerung bleiben.