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Nachruf:Marie Fredriksson von "Roxette" ist tot

Die Sängerin war Gesicht und Stimme des schwedischen Pop-Duos "Roxette", die ihre Wurzeln im Punk nie verleugnete.

Von Bernd Graff

Die schwedische Popsängerin Marie Fredriksson ist gestorben. Nur 61 Jahre wurde sie alt, ihr Tod markiert das Ende einer langen persönlichen Leidensgeschichte. Bereits 2002 war ein Hirntumor bei ihr diagnostiziert worden, 17 Jahre lang musste sie am Krebs leiden. Wegen ihres seitdem immer angeschlagenen Gesundheitszustandes wurde 2016 eine Tournee durch Deutschland abgesagt. So würde man einen Nachruf auf die Künstlerin wohl beginnen, wenn man kein Herz hätte. Doch Marie Fredriksson verdient einen anderen. Denn sie war Roxette.

Sicher, sie war eigentlich nur eine Hälfte dieses ungemein erfolgreichen schwedischen Duos. Doch für Fans ihrer Stimme - einer samtweichen Stimme, die unvergleichlich die Zeile: "But it's over now" gleich nach "It must have been love" hauchen konnte - war die gertenschlanke, auf der Bühne immer etwas elegisch, fast somnambul wirkende Fredriksson eben Roxette. Die Künstlerin aus dem südschwedischen Halmstadt war von Anfang an das lebende Synonym für den Bandnamen. Sorry dafür, lieber Per Gessle! Er war seit 1986 ihr Bandpartner, ebenso talentiert, als Gitarrist ebenso für das Duo wichtig, aber meist im Schatten.

Ihr samtweiches Timbre nahm "Roxette" alle Schärfe und Härte

In Schweden kannte man beide Künstler schon vor dem Roxette-Durchbruch als Solisten. Die Single "Listen to Your Heart" vom zweiten Roxette-Album "Look Sharp!" aus dem Jahr 1988 hatte man dann auch in ganz Europa und Kanada schon äußerst wohlwollend zur Kenntnis genommen. Doch spätestens seit diesem unerreicht gehauchten "It must have been love", das es 1990 auf den Soundtrack des Films "Pretty Woman" mit Richard Gere und Julia Roberts schaffte, war das Duo weltberühmt.

Für die Fans war sie "Roxette": Marie Fredriksson.

(Foto: imago stock&people)

Das Album "Joyride" aus dem Jahr danach, also noch zu jenen Zeiten, in denen analoge Albumverkäufe und Chartplatzierungen ganz allein über den Erfolg populärer Musik entschieden, hielt sich in Deutschland 13 Wochen lang auf dem ersten Platz und blieb über ein Jahr lang in den US-Charts. Das haben Schweden vor und nach Abba - vorsichtig gesagt - eigentlich sonst nie hinbekommen. Und wie schon eben jene Vorbildschweden des Pop spielte man auch Roxette als Dauerbereicherung einschlägiger Musik-TV- und Radio-Sender. Das gilt bei über 30 All-Time-Hits eigentlich bis heute.

Der Erfolg hatte gute Gründe. Roxette hatten es geschafft, aus Rock und Pop wieder aufrichtige Herzensangelegenheiten zu machen. Das hatte sich nicht unbedingt abgezeichnet, denn Marie Fredriksson hatte eine nie geleugnete (und bei genauerem Hinhören auch nie zu verkennende) Punk-Vergangenheit. Ende der Siebzigerjahre sang sie für die Band Strul, veröffentlichte dann drei Soloalben.

Gerade ihre späteren Rock-Anklänge, wie etwa "The Look" aus dem Jahr 1989, ließen diese Vergangenheit noch ein wenig durchschimmern, allerdings, und das ist absolut nicht despektierlich gemeint, wie durch einen perlmuttfarbenen, sanften, das Licht und alles Grelle immer mildernden Schleier hindurch. Er nahm Roxette und ihren Songs alle Schärfe, Härte, auch das Fatalistische, das etwa den Brit-Goths von The Cure eignet.

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Als sie "Roxette" gründeten, waren sie in Schweden schon Stars: Marie Fredriksson und Per Gessle im Jahr 1987.

(Foto: imago/teutopress)

Roxette arbeiteten an Versöhnungsmomenten. Das Ertragen von Melancholie und Sehnsucht, Fernweh und Unterwegssein waren ihre Themen, das Nicht-Ankommen blieb Ziel. Das klingt im Pop-Kontext banal, doch niemand verhalf diesen Motiven, in denen sich so viele wiederfanden, so unverkennbar zum Herzenssieg wie das Timbre von Marie Fredriksson. Sehr, sehr traurig, dass es nun verklungen ist.

© SZ vom 11.12.2019
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