Nachruf Kritik, Musik und Sprache

Albrecht Wellmer (1933-2018) war in den Sechzigerjahren Assistent von Jürgen Habermas. Er lehrte dann an in New York, in Konstanz und an der Freien Universität Berlin.

(Foto: gemeinfrei)

Der Philosoph Albrecht Wellmer war Assistent bei Jürgen Habermas und lehrte in New York, Konstanz und Berlin. Er starb im Alter von 85 Jahren.

Von Stefan Müller-Doohm

Für den Philosophen Albrecht Wellmer trifft sinngemäß zu, was Theodor W. Adorno, dessen Spuren er verfolgte, einmal behauptet hat: Wer Musiker wird, ist dem Mathematiker entlaufen. Wellmers Weg ging nach dem frühen naturwissenschaftlichen Studium zwar nicht direkt zur Musik, sondern mit 28 Jahren zur Philosophie, vermutlich angetrieben von seiner Leidenschaft für jene. In Heidelberg erlebte er durch Jürgen Habermas eine Philosophie, die ihn durch ihre, wie er rückblickend sagt, "existentielle und lebenspraktische Bedeutsamkeit" so sehr angezogen hat, dass er in den folgenden Jahren eine erkenntniskritische Dissertation über Karl Popper und seine Habilitationsschrift über "Kausalität und Erklärung" schrieb und zwischen 1967 und 1971 bei Suhrkamp veröffentlichte.

Fasziniert war er dem eigenen Bekunden nach über Habermas' Versuch, "die Kritische Theorie im zeitgenössischen Kontext neu zu begründen". An dieser Neubegründung wirkte Wellmer produktiv mit, seit er 1964 Wissenschaftlicher Assistent von Habermas an der Frankfurter Universität wurde und alsbald eine bewundernswerte Karriere machte, die ihn, nach einer kurzen Zwischenstation am Starnberger Max-Planck-Institut, über Philosophie-Professuren in Toronto, New York und Konstanz 1990 nach Berlin führen sollte.

Sein Denken als Sozialtheoretiker blieb in kritisch eigensinniger Weise stets bezogen auf die Idee kommunikativer Vernunft, die er im Spannungsfeld von Rationalitätskritik und Diskursethik entfaltet hat. Sichtbares Zeugnis sind unter anderem die Bücher "Zur Dialektik von Moderne und Postmoderne" (1985), "Ethik und Dialog" sowie "Endspiele" (1993). Wellmer, dem seine prominenten Schüler, darunter Christoph Menke, Martin Seel und Axel Honneth, ein hohes Maß an Selbstreflexivität bescheinigt haben, hatte sich in seinen Schriften Rechenschaft zu geben über den von ihm mit initiierten Paradigmawechsel von der Bewusstseins- zur Sprachphilosophie, von der Subjektivität zur Intersubjektivität. In seinen 2004 publizierten Vorlesungen zur "Sprachphilosophie" rekonstruiert er die Voraussetzungen für diesen Denkprozess. Mehr noch als mit dem linguistic turn hat er sich mit Fragen der Ästhetik und der Musikphilosophie beschäftig. Zu seinem Vermächtnis zählt gewiss eine seiner letzten Publikationen, der "Versuch über Musik und Sprache". Darin heißt es durchaus adornitisch, der "Witz der Musik" bestehe darin, "die interpretierende Leistung des Gehörs vom Weltbezug der Töne weg- und zu ihrer puren Klanglichkeit bzw. ihren internen strukturellen Zusammenhängen hinzulenken".

Als Wellmer 2006 verdientermaßen mit dem Adorno-Preis der Stadt Frankfurt ausgezeichnet wurde, formulierte der von seiner geistigen Physiognomie her dezente Philosoph eine ganz handfeste, bis heute aktuelle politische Zielsetzung, die als eine seiner Botschaft gelesen werden könnte: den "Kampf für eine global wirksame Demokratie". Dass Weller der Mathematik entlaufen ist, kam und kommt der Philosophie im Allgemeinen und seinem Spezialgebiet, der Musikphilosophie im Besonderen zugute. Wie jetzt bekannt wurde, ist Albrecht Wellmer am vergangenen Donnerstag, dem 13. September in Berlin gestorben.