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Nachruf:Kapitän, deine Wacht ist zuende

Giwi Margwelaschwili

Giwi Margwelaschwili wurde 1927 in Berlin geboren, er starb am 13. März 2020 in Tiflis.

(Foto: dpa)

Zwei totalitäre Systeme hatte Giwi Margwelaschwili erlebt und deswegen kein Verständnis für Kleinmütigkeit der Demokratie gegenüber. Jetzt ist der berühmte Schriftsteller und Denker gestorben.

Wer Giwi Margwelaschwili in seine Buchwelten folgt, wird freier, hoffnungsvoller, aber auch realistischer aus ihnen wieder hervortreten. Empfindsamkeit, Neugier und Humor, auch eine gewisse Dickköpfigkeit und eine Prise Eigensinn sind die Triebkräfte dieses Schriftstellers und Denkers, der 1927 in Berlin geboren wurde, nachdem seine Eltern vor der Sowjet-Armee aus Georgien fliehen mussten. Unvergesslich sein Ausruf auf die Frage, ob aus der heutigen Informationsflut nicht notwendig Orientierungslosigkeit folgen müsse: "Sie haben ein mächtiges Angebot. Wählen Sie!"

So spricht einer, der als Halbwaise nach dem Krieg mit seinem Vater vom sowjetischen Geheimdienst entführt, ins schnell umgekrempelte KZ Sachsenhausen gesteckt wurde, schließlich - ohne zu wissen, dass sein Vater da längst ermordet worden war - in die völlig unbekannte Stadt Tbilissi abgeschoben wurde und dort bis zum Fall des Eisernen Vorhangs zurecht kommen musste, sich dabei all die Jahre des "Du bist keiner von uns" stets bewusst. Einer also, der zwei totalitäre Systeme erlebte und kein Verständnis hatte für Kleinmütigkeit der Demokratie gegenüber. Sein großes literarisches und philosophisches Werk aber prägt keine Besserwisserei, kein Vorwurf. Vom Gipfel der Lebenserfahrung herab zu sprechen, das war ihm vollkommen fremd.

Anfang der Sechzigerjahre, als er das erste Mal ein Zimmer für sich allein bewohnte, fing Giwi Margwelaschwili an zu schreiben. Auf Deutsch, der Kindheitssprache. Kurze Prosa zunächst, dann große Romane: "Muzal. Ein georgischer Roman", "Die große Korrektur", "Der Kantakt" und die fantastische "Kapitän Wakusch"-Trilogie, die zu den ganz großen autofiktionalen Werken der Weltliteratur zählt, vor Sprachkomik flirrend und mit einem hinreißenden Helden.

All diese Texte landeten in der Schublade, bis sie nach 1990 in Deutschland veröffentlicht wurden. Zu Sowjetzeiten holte nur der Geheimdienst sie einmal hervor, als ihm das Gerücht von dem heimlich schreibenden deutschen Schriftsteller zu Ohren kam. Man hört Giwi Margwelschwili kichern bei dem Gedanken, wie bedröppelt die Beamten aus der Wäsche geschaut haben müssen, als sie versuchten, sich einen Reim auf seine Buchpersonen zu machen. Denn die sind es, mit denen Giwi Margwelaschwili ein Bündnis schloss, Zeit seines Lebens.

Seine Philosophie und Ästhetik drehte sich um die Frage nach der Veränderbarkeit der Welt

Ob es das Nationalepos von Schota Rushtaweli, die Bibel oder ein Roman von Kurt Tucholsky ist, immer geht es darum, den Buchpersonen in einer zutiefst humanistischen Geste beizustehen: den Kindermord zu Bethlehem zu verhindern, Liebende zu vereinen, die Freiheit in der Unfreiheit zu finden. Im Gespräch erklärte der von Heidegger und Husserl geprägte Philosoph: "Ein Text ist ein Gefängnis. Aber kuck mal nach, wo es löchrig wird. Irgendwo ist da was."

1990 konnte Giwi Margwelaschwili nach Berlin zurückkehren, lebte aber seit 2011 wieder in Tbilissi. In den vierzig sowjetischen Jahren entwickelte er eine Philosophie und Ästhetik, die sich um die Frage nach der Veränderbarkeit der Welt drehte. Margwelaschwili konnte gut erklären, was dabei den Unterschied zwischen Buch- und Realwelt ausmachte. Um das zu verstehen, muss man sich nicht mit den Phänomenologen, der Ontotextologie, mit Poly- und Monothematizität auskennen. Man muss nur begreifen: Der eigentliche Held in diesem Kosmos ist der Zuschauer. In Hinblick auf Leute, die jammern, in der Demokratie werde alles so wässrig, fragte er: "Wer hindert dich daran, die Sache nicht zu verwässern?"

Giwi Margwelaschwili war in Georgien ein berühmter Mann. 2015 erhielt er den höchsten georgischen Orden, wurde mit einer Ehrendoktorwürde ausgezeichnet. Er war dort aber auch ein ungelesener Schriftsteller. In seinem letzten Roman "Die Medea von Kolchis in Kolchos" versucht er nicht nur, Medea von ihrer Schuld zu erlösen, indem er ihr Christa Wolfs Roman zuspielt. Es geht auch um "leselebenerhaltende" Maßnahmen für den Kapitän Wakusch. Der leidet nämlich wie so viele Buchpersonen an Leserschwund. Wie wäre es, wenn wir Giwi Margwelaschwili, der in den frühen Morgenstunden des 13. März zur letzten Fahrt aufgebrochen ist, hinterher riefen: Kapitän, deine Wacht ist zu Ende. Wir übernehmen jetzt und treten ein in den Kreis der Buchpersonen, mit weitem Herzen und dem offenen, wachen und klugen Blick, den uns das Werk dieses Schriftstellers lehrt.

© SZ vom 14.03.2020

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