Süddeutsche Zeitung

Nachruf:Jürgen Manthey ist gestorben

Er war Philologe, Lektor, Journalist und verfasste eine große Geschichte der Stadt Königsberg.

Zu Beginn des großen Buches über "Königsberg", im Jahr 2005 erschienen, erklärte Jürgen Manthey, er habe lange und intensiv danach gesucht, warum Deutschland anders - und oft auf schlechte Weise anders - als andere Nationen sei, und sich dabei immer wieder tief in der Vergangenheit verloren: auf der Suche nach Belegen für vereitelte Alternativen, nach Plätzen, "auf denen die Kämpfe für ein anderes, besseres Deutschland ausgetragen worden und verlorengegangen waren". Entgangen sei ihm indessen, dass es dieses Bessere durchaus gegeben habe, "in gedanklich feinster Ausführung und modellhaft vorgestellter Praxis": und zwar in Gestalt der "Weltbürgerstadt" Königsberg.

Diese Art des literaturgeschichtlichen Arbeitens, des umwegigen, aber fruchtbaren Recherchierens, aber auch die intellektuellen Sympathien für das zumindest halb Verfehlte waren kennzeichnend für diesen Autor, der stets zumindest dreierlei zugleich war: Philologe, Lektor und Journalist.

Durch einen biografischen Zufall war er, 1932 in der Lausitz geboren, noch als sehr junger Mann in die Redaktion der Zeitschrift Konkret (die damals noch Studentenkurier hieß) geraten, mit Klaus Rainer Röhl als Ermöglicher und mit Peter Rühmkorf und Arno Schmidt als geistigen Paten. Weil geschickt, umsichtig und intellektuell zuverlässig, kam er von dort zunächst als Literaturredakteur zum Hessischen Rundfunk, dann, im Jahr 1970 als Leiter des literarischen Programms zum Rowohlt Verlag - wo er in gewissem Sinn Journalist blieb, indem er dort das Literaturmagazin herausgab.

In den vergangenen Jahren arbeitete er an einem großen Buch über die Ostsee

Zu dieser Zeit hatte er mit dem Bücherschreiben längst angefangen, und zwar in Gestalt einer ersten Biografie zu Hans Fallada, also mit der Schilderung eines Lebens, in dem der Held sich immer wieder selbst verfehlt, eines Laufs voller Brüche und Katastrophen. Noch heute ist dieses Buch lieferbar, in seiner elften Auflage.

Eine gewisse Rastlosigkeit muss auch Jürgen Manthey ausgezeichnet haben: Im Jahr 1986 wurde er Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Essen, wo er bis 1998 blieb. Seine Habilitationsschrift war das Werk "Wenn Blicke zeugen könnten" (1983) gewesen, in dem es, quer durch die Jahrhunderte und von Platon bis Peter Handke, um den literarischen Niederschlag geht, den das Sehen als wichtigster Sinn findet.

Und als wäre diese Schrift, wenngleich von enzyklopädischem Zuschnitt, schon zu viel Wissenschaft gewesen, begann Jürgen Manthey im Jahr 1988 in der Zeitschrift Merkur mit einer Kolumne, die unter dem Titel "Glossa continua" firmierte und dem "sprunghaften Sinnieren" gewidmet war: einer im Grunde genommen "falsch eingerichteten Welt" gegenüber, wie die Formulierung in einer anderen enzyklopädisch angelegten Schrift Jürgen Mantheys lautet, der Studie über den "Ursprung des Erzählens" ("Die Unsterblichkeit Achills", 1997).

In den vergangenen Jahren arbeitete der Unermüdliche, der sich in seinen späten Jahren nach Lübeck zurückgezogen hatte, an einer großen Monografie über die Ostsee. Sie soll fast abgeschlossen sein. Am Mittwoch starb Jürgen Manthey im Alter von 86 Jahren.

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Quelle:
SZ vom 14.12.2018
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