Nachruf:Jerry Lewis, ein spektakulärer Zappler

FILE PHOTO - U.S. comedian Lewis attends special screening of feature-length documentary 'Method to the Madness of Jerry Lewis' in Los Angeles

Komiker, Schauspieler, Sänger, Produzent, Drehbuchautor und Regisseur: Jerry Lewis, hier 1998 bei einer Comedy-Preisverleihung in Los Angeles.

(Foto: REUTERS)

Mit heiteren Nichtigkeiten traf der Schauspieler und Komiker ein Bedürfnis der Nachkriegs-USA. Nun ist er mit 91 Jahren verstorben.

Nachruf von Jürgen Schmieder

Es gibt ein wahnwitzig grandioses Interview mit Jerry Lewis. Ein Journalist des Magazins The Hollywood Reporter besuchte ihn vor knapp einem Jahr in seinem Haus in Las Vegas und wollte im letztlich nichts anderes haben als eine Antwort auf die Frage, warum ein mittlerweile 90 Jahre alter Sack noch immer auf der Bühne steht. Lewis, sichtbar gekränkt von dieser unverschämten Frage und dem noch viel unverschämteren Nachhaken des Reporters, blafft Ein-Wort-Antworten, macht den Fragesteller immer nervöser. Und sorgt so aufgrund der wunderbaren Mischung aus Ernsthaftigkeit, Unbehaglichkeit und Genervtheit für das interessanteste Gespräch mit einem Prominenten seit vielen Jahren.

Er sagt auch, in aller Kürze und mit grantiger Stimme, erstaunlich kluge Sachen. Als der Reporter wissen will, was ihn wie viele andere Künstler dazu antreibe, auch in hohem Alter noch zu arbeiten, da sagt er: "Weil wir es gut können." Besser kann man diese erstaunliche Karriere nicht zusammenfassen.

Lewis, geboren als Jerome Levitch am 16. März 1926 in Newark und als Kind aufgrund der Berufe seiner Eltern (Vater Danny war Sänger und Tänzer, Mutter Rae Pianistin) dauernd in verschiedenen Städten unterwegs und mit dem Künstler-Nomadenleben vertraut, stand bereits als Teenager auf der Bühne und unterhielt die Leute mit Geschichten und Witzen. Um jene Aufmerksamkeit und Bewunderung zu erhalten, die ihm seine Eltern meist vorenthielten. Er bemerkte schnell: Er war sehr gut in dem, was er da tat.

Lewis bespielte 1946 zunächst kleinere Bühnen in New York, im Nachtclub Glass Hat lernte er, der aufgedrehte Zappler mit der hohen Stimme, einen Typen kennen, der genau das Gegenteil war: lässig, cool und mit unglaublicher Selbstgewissheit ausgestattet, die nur Menschen bekommen, die sich das leisten können. Dean Martin war der King of Cool, der auch nicht nervös wurde, wenn Lewis über die Bühne stolperte. Die beiden begeisterten das Publikum erst mit Spontan-Spektakeln nach dem jeweils letzten Auftritt des Abend, und als Lewis für sein Engagement im 500 Club in Atlantic City einen Sänger brauchte, drängte er den Besitzer, den unglaublich coolen Burschen zu verpflichten.

Es folgte ein phänomenaler Aufstieg, wie ihn die Popkultur davor noch nicht und womöglich danach nicht mehr erlebt hat. Die USA sehnten sich nach der Ernsthaftigkeit und den Entbehrungen des Zweiten Weltkriegs nach heiteren Nichtigkeiten und unnützen Geschichten. Die Etablierung von Massenmedien wie Radio und Fernsehen ermöglichte die landesweite Verbreitung dieser heiteren Nichtigkeiten und unnützen Geschichten und damit die unglaubliche Berühmtheit derer, die gut darin waren, diese zu erzählen.

"Slapstick und Sex" nannte Lewis die Kombination einmal, und hatte überhaupt kein Problem, für den Slapstick verantwortlich zu sein. Die beiden traten auf großen Bühnen auf, ihre Shows wurden live im landesweiten Fernsehen gezeigt. Sie erhielten einen Fünf-Jahres-Vertrag bei Paramount Pictures. Insgesamt 13 Filme drehten Lewis und Martin gemeinsam, die Handlung war stets ähnlich, ob in "At War With the Army" (Krach mit der Kompanie ) 1950, "Artists and Models" (Maler und Mädchen), 1955 oder "Hollywood or Bust" (Alles um Anita) 1956: Zwei gegensätzliche Charaktere finden irgendwie zusammen, und trotz vieler Probleme im zweiten Akt sind sie am Ende füreinander da und schaffen ein fröhliches Ende. Die Filme waren erfolgreich - weil Martin und Lewis gut waren in dem, was sie taten.

"Ich sage, dass ich irgendwo auftrete - und die Leute kommen"

Trotz des Erfolges trennten sich die beiden 1956 - es war, als würden sie den zweiten Akt ihrer Filme im wahren Leben weiterspielen. Martin wollte sich von Lewis, der abseits der Kamera als Kontrollfreak galt, nicht mehr herumkommandieren lassen. Lewis war eifersüchtig auf den coolen Partner, der plötzlich mit einer Solokarriere als Sänger kokettierte. Es gab eine Abschiedsvorstellung in Atlantic City. Das war's. Lewis entwickelte sich zu einem erfolgreichen Regisseur. Er drehte Filme wie "The Ladies Man" (1961) und "Der verrückte Professor" (1963), in dem er den schizophrenen Professor gab und - wie viele erkennen - sich spielte: den schüchternen Jungen, der auf der Bühne zum selbstsicheren Entertainer wird. "Risiko hat etwas Faszinierendes, den Mut, den es braucht, etwas zu riskieren", sagte er der New York Times: "Du kannst im Leben nichts Großartiges erreichen, wenn es nicht mit Angst und Unsicherheit verbunden ist."

Er arbeitete trotz vieler Krankheiten, Herzinfarkte und Prostatakrebs, bis ins hohe Alter und begründete seinen Erfolg trocken: "Ich sage, dass ich irgendwo auftrete - und die Leute kommen." Mit Dean Martin versöhnte er sich vor dessen Tod 1995, sie traten aber nur gemeinsam auf, wenn es unvermeidbar war. Es gab noch einen erstaunlichen Moment in dem unbehaglichen Interview 2016. Lewis wird gefragt, wann in seiner Karriere er am glücklichsten war sei. Er denkt lange nach, sagt dann: "Als mein Partner noch am Leben war."

Jerry Lewis ist am Sonntagmorgen mit 91 Jahren in seinem Haus in Las Vegas verstorben. Möge er Dean Martin im Himmel treffen und dort die Leute unterhalten. Weil er es gut kann.

© SZ vom 21.08.2017/vit
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