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Nachruf:Jacques Loussier ist gestorben

Jacques Loussier gestorben; Jacques Loussier gestorben

Pianist Jacques Loussier brachte mit seinem Swing-Trio „Play Bach“ die Klaviermusik Johann Sebastian Bachs zur Wiederaufbereitung in den Jazz-Keller.

(Foto: Georg Göbel/dpa)

Der Pianist brachte mit seinem Swing-Trio "Play Bach" die Klaviermusik Johann Sebastian Bachs zur Wiederaufbereitung in den Jazz-Keller.

Noch im hohen Alter ging der französische Pianist Jacques Loussier mit seinem Klassik-Jazz-Trio auf Tournee. Natürlich mit Bach. Das blieb, trotz temporärer Abweichungen und späterer Hinwendung zu Satie, Debussy, Ravel und Vivaldi, sein Markenkern. Als erster und lange Zeit einziger wagte er es, Musik von Bach zu verjazzen, wie das damals hieß. 1959 war das, als seine erste Platte mit Bach-Arrangements herausgekommen war. Er nannte sie, wie auch sein Trio, nicht etwa Swinging Bach, sondern ebenso schlicht wie selbstbewusst direkt: "Play Bach". Für Hardcore-Klassiker war dieses Projekt ein Schock, denn Bach war nicht irgendein Komponist, sondern DER Komponist. Für viele, nicht nur klassische, Musiker ist er das bis heute.

Umgekehrt haben sich immer auch eingefleischte Klassiker für den lockeren Swing aus Frankreich begeistert, mit dem Loussier dem deutschen Großmeister zu Leibe rückte. In Zeiten, als es den Begriff Crossover noch nicht gab und auch noch nicht die vielen hilflosen Überkreuzungsversuche von Klassik und Pop, war Loussier eine singuläre Erscheinung. Natürlich gab es immer mal wieder einen Popsong oder Schlager, der klassische Themen aufgriff, vielleicht auch nur abgriff, aber niemanden, der am Pariser Konservatorium bei Yves Nat studiert hatte, um sich mit seinen enormen pianistischen Fähigkeiten dem damals weit untergeordneten Genre der Unterhaltung zuzuwenden.

So jemand, sagte man damals, versündige sich an seinem Talent. Aber das tat er nicht. Er spielte Bach nicht technisch schlechter oder uninspirierter als zuvor, nur rhythmischer. Viel rhythmischer. Als wolle er dem alten Meister vorsichtig den Jazz beibringen, ihm zeigen, was in seiner Musik steckt. Manchmal erschöpfte sich das in munter hingetupfter Dreiklangsmelodik, bisweilen in tief durchdachten Paraphrasen. Aber warum hatte man nie den Eindruck, er würde Bach Gewalt antun oder ihn bagatellisieren, wie dies Loussiers Gegner gerne behaupteten? Ein Kritiker dieser Zeitung beendete seinen Konzertbericht 1966 so: "Säkularisierte Kurrende tummelt sich, indem sie handgreifliche Freuden inthronisiert, aber dennoch von Aufklärung nichts wissen will."

Eine unheilige Allianz also, Freude ohne Reue, Spaß statt Betstunde? Ja, das könnte sein. Man spürte immer die musikalische Lust, die Zwischenräume der Bachschen Notenzeilen mit phantastischem Blendwerk zu füllen, aber auch nachdenklichen Ergänzungen. Es war ein rein musikalischer Zustand, in dem weder das reine Konzept, noch gedankenlose Spiellust das Feld beherrschten. Ein Zustand, den man nur im Moment des Spielens, dann auch des Hörens, haben kann, in dem alles wie natürlich da ist. Und irgendwann wieder weg. Bereits am vergangenen Dienstag ist Jacques Loussier 84-jährig gestorben.

© SZ vom 09.03.2019

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