Nachruf Ingomar von Kieseritzky ist tot

Ingomar von Kieseritzky (1944-2019).

(Foto: imago stock&people)

Er war ein großer Erzähler des verstimmten Lebens und der Hypochondrie: Der Schriftsteller Ingomar von Kieseritzky ist am Sonntag mit 75 Jahren in Berlin gestorben.

Von Lothar Müller

Er hat sich schon immer gern auf Friedhöfen herumgetrieben. Einem seiner vielen Ich-Erzähler, mit denen man ihn nicht verwechseln sollte, ohne ihre Familienähnlichkeit mit dem Autor zu verkennen, erscheinen sie im Roman "Der Frauenplan. Etuden für Männer" (1991) als die einzigen Orte, an denen man sich "unverstimmte Momente des Bewusstseins" verschaffen kann. Dies sind kostbare Momente in der Welt des Ingomar von Kieseritzky. Denn darin sind die Menschen grundsätzlich verstimmt, wie Instrumente.

1944 in Dresden geboren, ließ er manchmal den baltischen Adel ferner Vorfahren durch seine Bücher geistern. Er war aber, aufgewachsen in Stadthagen, Freiburg und Langeoog, eine durch und durch westdeutsche und über lange Jahre westberliner Existenz, mit einem überfeinen Sensorium begabt für die feinen Haarrisse im geordneten Gang des Ganzen. Seit 1971 freier Roman- und Hörspielautor, muss er früh gespürt haben, dass in der Nachkriegsgesellschaft die Gesundheit zur mächtigen Göttin avancieren würde. Sein Sprachgefühl zeigte ihm den Schatz, der darin verborgen liegt, dass es die Gesundheit nur im Singular gibt, die Krankheiten aber in einem unendlichem Plural.

Im Roman "Das Buch der Desaster" (1988) erkundete der Held seine "Skala der Desaster, der Katastrophen, der Debakel, der Kalamitäten, der Konfusionen, der Schlamassel, der Fatalitäten, der Niederlagen und der Missgeschicke". Sein Autor hielt, was seine Titel versprachen, von "Ossip und Sobolev oder Die Melancholie" (1968) über "Trägheit oder Szenen aus der Vita activa" (1978) bis hin zum Roman "Traurige Therapeuten" (2012).

Er fächerte das verstimmte Leben und die Innenwelten der Hypochondrie bis in die feinsten Schattierungen auf, ersann Ekelkuren und Aversionstherapien und ließ in der Schaukelbewegung von Übertreibung und Understatement aus dem Füllhorn der Missgeschicke den launigen Ton hervorgehen. Denn er war ein großer Humorist, von Kindheit an ein Bewunderer Donald Ducks und später einer der wenigen deutschen Schüler von Laurence Sterne, also ein Meister der kunstvollen Abschweifung. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Ingomar von Kieseritzky am Sonntag in Berlin gestorben. Er wurde 75 Jahre alt. Yorick, nach dem er einen seiner erfundenen Kater benannte, sei ihm gnädig.