Zum Tod von Paul Virilio Herold und Warner der Moderne

Der französische Denker Paul Virilio, Geschwindigkeits­forscher und Erfinder des "rasenden Stillstands", ist im Alter von 86 Jahren gestorben.

Von Joseph Hanimann, Paris

Vom Schwergewicht der Atlantikwall- Bunker, seinem frühen Forschungsbereich, zur beschleunigten Bewegung und zur absoluten Geschwindigkeit im "rasenden Stillstand" war es ein langer und doch ziemlich logischer Weg. In die üblichen Wissenskategorien ist der französische Denker Paul Virilio ohnehin nicht einzuordnen. Es war eine konstante Gratwanderung zwischen Stadtplanung, Architektur, Philosophie, Technikgeschichte, Kunstbetrachtung und politischer Essayistik. In diesem flimmernden Feld ohne klare Grenzen hat Virilio sich über drei Dutzend Bücher hinweg die Position eines Experten der "Dromologie" errungen, jener von ihm selbst erfundenen Wissenschaft von der Geschwindigkeit mit ihren Geheimverbindungen zur Kunst des Wettkampfs und der Kriegsführung.

Hitler und Napoleon, die beiden rücksichtslosesten Eroberer der letzten Jahrhunderte, seien beide am Prinzip des "fleet in being" gescheitert, schrieb der 1932 in Paris geborene ausgebildete Stadtplaner in dem Buch "Geschwindigkeit und Politik" 1977. Gescheitert seien sie daran, dass das Ziel im technikbestimmten Raum-Zeit-Kontinuum sich dem Zugriff fortwährend entzieht, indem die Truppenbewegung nicht mehr von A nach B führt, sondern wie bei Seeschlachten im Unendlichen an Ort und Stelle tritt. Dieses Prinzip hat der Autor anlässlich des ersten Irakkriegs dann auf die Bewegung der Bilder ausgeweitet: Die Bilder von den Kriegshandlungen, schrieb er 1991 im Buch "Krieg und Fernsehen", müssten fortan diesen letzteren vorauseilen und vorausbestimmen, wie sie sich ereignet haben werden.

In dieser verabsolutierten Geschwindigkeit ohne zurückgelegten Weg, wo alles schon da ist, bevor es sich in Bewegung gesetzt hat, sah Paul Virilio zugleich eine Gefahr für die Demokratie, diese alte Einrichtung der Wege und Umwege. Denn Ubiquität, Unmittelbarkeit, Transparenz, diese Attribute des Göttlichen, seien das, wonach die Autokraten streben. Hinter der spürbaren Faszination dieses Denkers fürs Futuristische, das uns erwartet, zeigt sich immer auch eine gewisse Bange. Paul Virilio war zugleich Herold und postmoderner Warner vor der technophilen Moderne. Nach der Eroberung der "Lithosphäre" im engen Lebensraum, der "Hydrosphäre" jenseits der Meere und der "Atmosphäre" sei der Mensch dabei, in die "Dromosphäre" des kurzgeschlossenen Kommunikationsraums vorzudringen und seinen Horizont und damit vielleicht auch sich selbst abzuschaffen, schrieb Virilio in "Der negative Horizont".

Zu einer solchen Bewegung gehört allerdings, dass sie gar nicht mehr zum Stillstand kommen kann, denn in ihrer Beschleunigungsdynamik tendiert sie selber zum Stillstand. Dauerflucht nach vorn oder Kollaps? Die Krisen des global gewordenen Finanzkapitalismus stellen diese Frage seit dreißig Jahren. In seinem Buch "Rasender Stillstand" ("L'inertie polaire") antwortete Virilio 1990 auf die Theorien vom immerfort latenten Kollaps, wie Jean Baudrillard sie entwickelt hatte. Dessen These, dass die Staatsverschuldung über unseren Köpfen immer weiter kreisen müsse, um den Absturz und den Zusammenbruch des Systems zu vermeiden, hielt Virilio entgegen, dass das System gar nicht anders könne als kreisen und zugleich stillstehen, wie der Rotationspunkt am Pol, und damit das Ende gleichzeitig perpetuiere.

Etwas von diesem Phänomen zeichnet auch Virilios eigenes Denken aus. Es kreiste mit Anmerkungen zur Relativitätstheorie, zum virtuell gewordenen Stadtraum, zum nicht mehr mit dem Auge, sondern direkt mental wahrgenommenen Bild bis zur "Ästhetik des Verschwindens" immer weiter und versprühte Funken, von denen manche wieder erloschen sind. Was bleibt von diesem Intellektuellen, der seine Karriere an der Seite des Rohbeton-Architekten Claude Parent begann, sind scharfsinnig notierte Intuitionen über unseren digital gewordenen Lebensraum sowie einige sehr konkrete Aktionen. Denn als Direktor der Pariser "École spéciale d'architecture" hat Paul Virilio Generationen von Architekten vorbei an den konventionellen Unterrichtsprogrammen auf neue Wege geschickt, die Bauen, Denken und Spekulieren eng miteinander verbinden. Im Alter von 86 Jahren ist Paul Virilio nun gestorben.

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