Nachruf Helmuth Nürnberger 

Der Germanist und Kenner Theodor Fontanes stand für Hingabe an die Sache und Enthusiasmus.

Von Thomas Steinfeld

Die "Geschichte der deutschen Literatur", fast tausend Seiten stark, hat unzählige Studenten durch ein Examen in Germanistik begleitet. Zuerst in den Fünfzigern erschienen, hat sie mittlerweile die 25. Auflage erreicht - ohne Vorwort, ohne methodische Erläuterungen, ohne Hinweise auf Literaturbegriffe, Epochengrenzen oder Auswahlkriterien für die darin genannten Dichter. Herausgeber dieser Literaturgeschichte war der Hamburger Germanist Helmuth Nürnberger, zuerst im Verbund mit zwei älteren Kollegen, seit den frühen Neunzigern dann allein. Es brauchte einen so aufmerksamen wie kundigen, so nüchternen wie der Sache hingegebenen (das ist kein Widerspruch, im Gegenteil) Kopf, um eine solche Aufgabe zu bewältigen.

Vermutlich war es diesem Unternehmen dienlich, dass Helmuth Nürnberger sein literaturwissenschaftliches Leben vor allem dem größten Realisten gewidmet hatte, den es in der deutschsprachigen Literatur gibt: Theodor Fontane. Auf diesen Schriftsteller gestoßen war er schon als Student, in den Fünfzigern, als Fontane noch allenfalls zu den mittleren Autoren der deutschen Literaturgeschichte gehörte. Aber es war schon die Verbindung zwischen Geschichtsschreibung und Literatur, die Helmuth Nürnberger an Fontane interessierte, an dessen Wandlungen vom Apotheker zum Journalisten, vom Staatsschreiber zum Schriftsteller. Helmuth Nürnbergers erste Monografie, "Der frühe Fontane" (1967), wurde darüber zu einem solchen Erfolg, dass ihm die Herausgeberschaft der Münchner Fontane-Ausgabe angetragen wurde - ein Vorhaben, das damals noch in einem heftigen philologischen Wettbewerb zur Literaturwissenschaft der DDR stand, was, wie Nürnberger immer wieder sagte, die Sache eher beflügelte als behinderte.

Helmuth Nürnbergers große Biografie seines Dichters, "Fontanes Welt", erschien erst im Jahr 1997 - er hatte sich Zeit damit gelassen, Studien auf Studien gehäuft und, was für den Umgang dieses Literaturwissenschaftlers mit seinem Stoff kennzeichnend war, sein Interesse auch von außen betrachtet, in Gestalt eines Büchleins über Joseph Roth und eines weiteren über Johannes XXIII. und das Zweite Vatikanische Konzil, aus Perspektiven also, die weit entfernt von Preußen und Protestantismus waren. Nüchtern und der Sache hingegeben erschien Helmuth Nürnberger, der weit mehr war als nur der Doyen der Fontane-Forschung, auch in diesen Dingen. Am Montag dieser Woche ist Helmuth Nürnberger im Alter von 87 Jahren gestorben.