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Nachruf:Hautnah zu sich selbst

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Benoîte Groult im Jahr 2010.

(Foto: Francois Guillot/AFP)

Im Alter von 96 Jahren ist die französische Schriftstellerin Benoîte Groult gestorben.

Von Joseph Hanimann

Diese Autorin besaß - in der richtigen Rangordnung - alle Talente zum Erfolg. Sie hatte ein unzähmbares Bedürfnis nach Unabhängigkeit in der Lebensführung, die Gabe, dies als Frau exemplarisch zum Ausdruck zu bringen, und die Intelligenz, sich dabei nicht in Theorien oder Programmen zu verlaufen. Dem ging eine behütete Kindheit im gehobenen Pariser Milieu voraus, als Tochter der Modedesignerin Nicole Poiret, Schwester des Modeschöpfers Paul Poiret und des Innenarchitekten André Groult.

Im Januar 1920 geboren, ließ sie sich nach ihrem Literaturstudium nicht auf den üblichen Wechsel von Berufstätigkeit zum Gattinnendasein ein. Sie blieb Journalistin, war mit 24 zum ersten Mal Witwe, heiratete gleich wieder, mehrmals, hatte Kinder und behielt stets ihren Mädchennamen. 1962 begann sie zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Flora in einem "Tagebuch vierhändig" anhand eigener Erfahrungen zu erkunden, wie eine befreite Frauenexistenz im 20. Jahrhundert aussehen könnte.

Anders als viele Feministinnen ihrer Generation hütete Benoîte Groult sich vor intellektuellen Positionskämpfen. Sie hielt sich eher an die konkreten Lebenssituationen, durchsetzt auch mit weiblicher Selbstkritik. Gegen Simone de Beauvoir betonte sie, Frauen stünden sich manchmal selber im Weg, gegen Elisabeth Badinter, die Égalité beseitige keine Geschlechtsunterschiede. "Ödipus' Schwester" (1975) und "Gleiche unter Gleichen. Männer zur Frauenfrage" (1977) waren nicht zuletzt Reaktionen auf den in ihren Augen zu lebensfernen Feminismus der Nach-Achtundsechziger. Überhaupt wollte sie sich nicht auf das Thema Frauenbewegung beschränken und wandte sich vermehrt dem Roman zu. Auch dort flossen immer wieder autobiografische Elemente ein, mit der entsprechenden Selbstanalyse im Rahmen ihrer gesellschaftlichen Situation.

"Leben will ich" und der Roman "Salz auf unserer Haut" (1988) handeln von Liebe ohne Rücksicht auf Konventionen. Vor allem der letztere, die Geschichte einer Leidenschaft zwischen einer Intellektuellen und einem bretonischen Fischer, erregte als Skandalbuch Aufsehen und wurde ein Bestseller.

Während mit dem Fall der Berliner Mauer die politischen Gewaltsysteme gerade einknickten und die Welt etwas vernünftiger zu werden schien, erinnert der Roman daran, dass eine leichte Berührung der Schenkel die Menschen "aus dem Herrschaftsbereich der Vernunft" zu vertreiben vermöge und uns stets aufs Neue der Unberechenbarkeit unserer Körpers anheimfallen lasse.

Die physisch gelebte Liebe trat in ihren späteren Büchern in den Hintergrund. Andere Themen verlangten nach derselben Offenheit, etwa das Altern in "Salz des Lebens" (2006). Die Autobiografie "Meine Befreiung" (2008) stellte alle Lebensetappen noch einmal unter das Zeichen der Emanzipation. Im südfranzösischen Hyères ist Benoîte Groult nun gestorben. Ihr Erfolgsgeheimnis bestand darin, zwischen Fiktion, Reflexion und Aktion nie endgültig entscheiden zu wollen.

© SZ vom 22.06.2016
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