Nachruf Günter Herburger ist gestorben

Günter Herburger.

(Foto: Volker Derlath/SZ Photo)

Er war der Marathonmann der deutschen Literatur, das Unterwegssein hat sich tief in sein Schreiben gesenkt. Nun ist der Autor, der auch ein großer Briefeschreiber und mutiger Abenteurer war, im Alter von 86 Jahren gestorben.

Von Alex Rühle

Er war der Marathonmann der deutschen Literatur. Keiner ist so weit gelaufen wie er. Bei keinem anderen Autor haben sich aber auch die Laufbewegung und das Unterwegssein so tief ins Schreiben eingesenkt wie bei Günter Herburger. In "Humboldt", einem seiner späten Bücher, in denen seine Extremläufe - quer durch die mauretanische Wüste, in vier Tagen um den Mont Blanc - die Kapitel strukturieren, heißt es nach der letzten Durchquerung des Schmerzgebirges und dramatischem Scheitern, im Ton eines heiteren Resümees: "Die Durchleuchtung des Körpers und der Seele war zu Ende."

Diesem Laufband ist ein Text über Alexander von Humboldt vorangeschaltet, polaroidartige Miniaturen über den mondänen, abenteuerlustigen, unkonventionellen Universalgelehrten, dessen Grundeinstellung Herburger so gefiel: "Gegen Ende seines Lebens war Humboldt in Sibirien, sich erneut begeisternd, soviel Neues zu entdecken, das uns nahe sei, denn, sagte er, wer Hybrides nicht schätze, könne daheim, am bekannten Ort, nur noch missanthropisch werden und falsche Urteile fällen."

Der Witz an diesem Text: Er ist bebildert mit Fotos aus Herburgers nächster Lebensumgebung, Berliner Hinterhöfe, Allgäuer Idyllen, Wegesrandentdeckungen. Insofern ist dieses Humboldt-Porträt Programmatik en passant, nur wer so frisch auf das Altvertraute schauen kann, dass es sibirisch fremd zurückfunkelt, kann heute noch Entdecker sein.

Unterwegs war er immer: 1932 in Isny geboren, studierte er in München und Paris, arbeitete sich als Sekretär, Straßenarbeiter und Journalist durch Spanien und Nordafrika, lebte lange in Berlin, und trug die Hügellandschaft des Allgäus stets in sich. Auch in der Literatur bewegte er sich quer durch alle Genres, es gibt von Herburger Romane, Erzählungen, Essays, Kinderbücher ("Birne"!), Drehbücher, Hörspiele, Fotonovellen und Bücher, bei denen man gar nicht recht weiß, wo man diese wild wuchernden, knorrig dichten Sprachgewächse eigentlich verorten soll. Nebenher entstand immer und überall Lyrik, eruptive, stille, wunderbare Gedichtbände. Gedichte schreiben, sagte er, ist wie tägliches Brot. Oder auch tägliches Basistraining für die genaue Sprache, die Sehnigkeit des Ausdrucks.

"Ich sitze in einem Märchenbüro", hat er mal gesagt, "und schreibe, probiere Entwürfe aus, die aus der Gegenwart in eine Zukunft streben." Der größte dieser Entwürfe war die "Thuja"-Reihe, 18 Jahre Arbeit, 2200 Seiten, die so gar nichts von braven deutschen Thujen haben, sondern einem wild wuchernden Dschungel gleichen. Zu sagen, diese Trilogie spiele im Allgäu ist ungefähr so, als sagte man, "Hundert Jahre Einsamkeit" spiele in dieser oder jener Gegend des kolumbianischen Dschungels. Ja. Stimmt schon. Aber zugleich ist diese "Thuja" literaturgeschichtlich tief verwurzelt im 18. und 19. Jahrhundert, als in Romanen formal so viel mehr gewagt und versucht wurde als in heutigen Plotpoint-Americana. Außerdem ist Thuja ein fundamentales Werk über die BRD und ihre "Leitplankenkultur" - ähnlich intensiv und fantasiereich hat den Mief jener Jahre nur Wilhelm Genazino in seiner "Abschaffel"-Trilogie eingefangen.

Auf die Frage, warum er denn mit Anfang 50 mit seiner Extremrennerei angefangen habe und was ihm das bringe, wenn es so dezidiert nicht um Zeiten oder Pokale geht (Herburger rannte für ein gutes Fotomotiv mitten im Lauf auch mal 500 Meter zurück), sagte er: "Meine Sehnsucht heißt Weltumschichtung, das ist der Epiker und Lyriker in mir, der sich das Laufen ausgesucht hat, um mehr wahrzunehmen. Mit offenem Mund sehe ich mehr."

Schon für diesen offenen Mund muss man ihn lieben, dafür, dass er als Erwachsener weiter staunend durch die Welt lief. Günter Herburger war aber auch ein außergewöhnlich freundlicher, treuer Mensch, ein großer Briefeschreiber und mutiger Abenteurer. An seinem 70. Geburtstag versprach er - "nach intensiver Rücksprache mit meinem Körper" -, noch mindestens 90 zu werden. Jetzt war doch schon vorher Schluss: Am vergangenen Donnerstag ist der wunderbare Günter Herburger in Berlin im Alter von 86 Jahren gestorben.

Langsam hebt sich die Flanke

In seinem neuen Roman und einem kleinen Gedichtband lässt der Autor die Wildnis singen und das Allgäu, in dem er aufwuchs, an die Anden grenzen. Von Tobias Lehmkuhl mehr...